Château Gütsch, Luzern

Seit unserem begeisterten Besuch vor zweieinhalb Jahren hat sich einiges getan. Das junge Kochtalent Fabian Inderbitzin ist nach Hergiswil ins Belvédère weitergezogen und das ‚Château Gütsch‘ ist trotz Baubewilligung in einen Dornröschenschlaf gefallen. Während ganz Luzern sich immer noch fragt wann und ob jemals wieder Gäste im weissen Schloss übernachten, hat der sympathische Hoteldirektor des Hotel Montana, Fritz Erni, die Ärmel nach hinten gekrempelt und das Märchenschloss aus seinem Tiefschlaf geküsst.

Erni handelte mit den Gütsch Verwaltern einen Vertrag aus welcher es ihm erlaubt, das vor vier Jahren renovierte Restaurant bis Ende Mai 2012 zu betreiben. Nach dem medial gefeierten Vertragsabschluss hatte Erni gerade einmal vier Wochen Zeit um ein Team auf die Beine zu stellen um auf 440 Meter ob Luzern die Gäste zu bewirten. Etwas überraschend, es sollen keine Gourmet-Gerichte serviert werden sondern eine einfache, bodenständige Kost. Dieser Entscheid lag auf der Hand, denn innerhalb von vier Wochen ein neues Team zusammen zu stellen welches auf hohem Niveau kocht ist nahezu unmöglich. Zudem wird man kein Punkte Koch mit einer Kündigungsfrist von einem Monat finden der auch noch bereit ist einen auf 9 Monate befristeten Vertrag zu unterschreiben.

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Um das Küchen- und Service-Team auf die Beine zu stellen akquirierte Erni ehemalige Montana Mitarbeiter. So auch den 29 jährige  Bündner Flavio Neuhäuseler für den Posten als Küchenchef . Für den HCD-Fan ist dies das erste Mal an der Spitze eines Gastronomiebetriebs. Auch der Gastgeber Rico Haus und seine Frau arbeiteten früher im wunderschönen Hotel Montana bevor sie in Asien Restaurants führten und sich jetzt für das Abenteuer Gütsch verantwortlich zeichnen.

Das Marketing-Team um Simone Staubli macht bereits fürs Montana einen sehr kreativen Job. Um die Neueröffnung des ‚Château Gütsch‘ in die Medien zu bringen suchte man 50 Vorkoster die, wie auf einem Schloss üblich, diverse Gerichte vor den eigentlichen Gästen probieren. Die Presse nahm diese witzige Idee auf und man konnte in einem grossen Artikel lesen, wie man sich als Vorkoster bewerben kann. Nach eigenen Angaben hatten sich über 1’700 Personen für eine solche Stelle beworben. Wir waren unter den Glücklichen und folgten der Einladung.

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Während man der mitreissenden Ansprache des Fritz Ernis lauschte, die wunderschöne Aussicht auf die Leuchtenstadt genoss, die sehr hohen Räume bestaunte und unter den geladenen Gästen auch einen prominenten Koch (Chrüster-Oski, ehemaliger 17 Punkte Koch) erspähte, servierte man uns zu einem wunderschönen Glas Petit Arvin aus dem Wallis verschiedene

Apéro-Häppchen [-/10]

Die beiden Häppchen – einmal mit Hüttenkäse und einmal mit Tomatenpesto – lagen auf einer knusprigen, dünnen Brotscheibe und demonstrierten, dass auch einfache Kombinationen sehr fein sein können. Die Knusperstange mit dem umwickelten Schinken war dagegen belanglos. Das Triangel-Toast mit Lachs war enttäuschend – der Fisch zu kalt und das Brot ungetoastet.

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Danach wurden wir in den schönen Speisesaal, ins eigentliche Restaurant geführt. Der Tisch in der zweiten Reihe bot keinen Ausblick über die Stadt. Deshalb ist es empfehlenswert beim reservieren explizit zu erwähnen, dass man einen Tisch direkt am Fenster mit Aussicht haben möchte.

Wir durften uns aus jeweils zwei Varianten ein vier gängiges Menü zusammen stellen.

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Brot mit zweierlei Aufstrich [-/10]

Das Brötchen fühlte sich an als hätte man es frisch gebacken, über Nacht in einen Plastiksack gesteckt und es am Morgen wieder raus genommen. Es war nämlich nicht knusprig sondern weich. Das Oliven-Öl war fein, der gesalzene Butter-Schaum hatte leider viel zu viel vom weissen Gold abbekommen. Der tolle Paprika-Schaum konnte zum Glück fast alles wieder wett machen. Dieser war super gut abgeschmeckt!

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Kräuter Mille Feuille von geräuchertem Lachs, mit Meerrettichmousse im Glasan Honig-Senfsauce, serviert mit Toast [-/10]

Die erste Aufmerksamkeit galt dem nur halbherzig gegrillten Toast welcher dadurch schon wieder völlig missriet. Das Meerrettichmousse war toll umgesetzt und passte sehr gut zum geräucherten Lachs. Die Qualität des Fisches war passabel. Das Mille Feuille war eine tolle Idee konnte aber sein Kräutergeschmack nicht entfalten. Für eine 22 Franken Vorspeise doch eher enttäuschend.

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Tagliatelle mit Artischocken, Junglauch und Wintertrüffel [5/10]

Der beste Gang des Abends. Ein gut gefüllter Vorspeiseteller mit wunderbaren al dente gekochten Tagliatelle welche mit Lauch und aromatischen Artischocken verfeinert wurden. Der Wintertrüffel hätte man sich sparen können. Dieser hatte überhaupt keinen Geschmack und deshalb auf dem Teller nichts zu suchen. Preis 21 Franken (29.- als Hauptgang).

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Kalbsgeschnetzeltes „Château Gütsch“ serviert Rösti [-/10]

Ein „Züri-Gschnätzlets“ kann so etwas feines sein. Das was uns hier serviert wurde viel aber gnadenlos durch. Das grösste Manko war das Fleisch welches fast ausschliesslich aus zähen Fleischstreifen bestand und deshalb ungeniessbar war. Dazu kam eine extrem fade und uninspirierte Sauce. Die Rösti hatte im wahrsten Sinne des Wortes zwei Seiten. Zum einen eine feine knusprige und zum anderen eine zu wenig gebratene Unterseite. Vermutlich hat man die Rösti vor dem servieren geteilt. Wäre ich hier nicht eingeladen gewesen, hätte ich den Teller zurück gegeben – für stolze 44 Franken muss ein solches Gericht tadellos serviert werden.

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Tarte Tatin mit Zimtglace und Vanillesauce [-/10]

Das Zimtglace war zwar extrem kalt aber trotzdem sehr fein im Geschmack. Der Schokoladenkuchen-Ring erfüllte zwar seinen dekorativen Zweck, geschmacklich war er aber zu klebrig in der Konsistenz. Das Tarte Tatin ging knapp in Ordnung auch wenn der Boden zu viel Flüssigkeit aufzog und dadurch pampig war.

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Fazit: Wenn man mit dem Auto zum Gütsch fährt sieht man die weniger beeindruckende Rückseite des Schlosses. Spätestens wenn man aber die ersten Schritte durch das alte Gebäude macht springt der Funke auf den Gast über. Ich freute mich deshalb sehr als ich hörte, dass man dem ‚Château Gütsch‘ neues Leben einhauchen wird. Die Information, dass man mehrheitlich einfache Gerichte servieren wird, liess mich dann doch etwas skeptisch werden. Ob ganz simple Gerichte in ein solch edles Restaurant passen?

Nach dem Besuch kann ich sagen: Nein! Es wirkt auf mich sehr befremdend wenn der gehobene Service – mit der linken Hand hinter dem Rücken und elegant gekleidet – eine Bratwurst mit Zwiebeln auf den Tisch stellt. Das ist das Selbe wie wenn man an der Dönerbude um die Ecke eine Entenleber-Variation serviert – beides kann super toll schmecken aber es passt nicht zum jeweiligen Setting.

Grundsätzlich ist es sehr schwer gegen ein solches Restaurantambiente und seine tolle Aussicht, mit dem Essen zu glänzen. Dem letzten Koch, Fabian Inderbitzin, ist dieses Kunstwerk geglückt. Damals hat man bereits während dem essen des ersten Gangs die beeindruckende Aussicht vergessen. Dass es der neue Koch beim jetzigen Konzept viel schwieriger hat liegt auf der Hand. Er hat nur eine Chance und zwar, diese einfacheren Gerichte überzeugend zu kochen – denn auch ein liebevoll zubereitetes Kalbsgeschnetzeltes mit Rösti kann glücklich machen.

Bei unserem Besuch wurde diese Leistung leider nicht geboten. Im Gegenteil, die Küche wies zu viele kapitale Fehler auf. Natürlich ist es mir bewusst, dass man mit einem frisch zusammengewürfelten Küchenteam nicht schon am ersten Abend Höchstleistungen erzielen kann. Aber zähes Fleisch in einem 44 Franken Gericht darf nicht sein. Zudem kann ich mir nicht vorstellen, dass die Sauce innert kürzester Zeit vom Niveau „fad und langweilig“ zu „intensiv und spannend“ verbessert werden kann.

Übrigens, das Kalbsgeschnetzelte war nicht das Einzige was den Gästen nicht mundete. Ich habe noch nie erlebt dass in einem Restaurant so viele unausgegessene Teller in die Küche zurückwanderten. So gaben viele die Salzkartoffeln zurück und auch über das zähe Tafelspitz beklagten sich Testesser am Nachbarstisch.

Der Service war bemüht und freundlich, hatte am Probeabend aber noch grosse Schwachstellen. So warteten wir zwischen den einzelnen Gängen bis zu 46 Minuten (!) und der Espresso wurde uns erst 35 Minuten nach dem Dessert offeriert – als wir bereits aufgestanden waren. Ich bin aber zuversichtlich, dass man dieses Problem noch in den Griff kriegt da die einzelnen Mitarbeitern bereits jetzt auf einem guten Niveau arbeiten.

Ich bin überzeugt, dass das ‚Château Gütsch‘ bis Ende Mai mit diesem Konzept erfolgreich sein wird – denn viele Luzerner freuen sich auf ein Erlebnis im Gütsch – langfristig wird man hier aber nur erfolgreich wirten wenn man neben Aussicht und Ambiente auch Höchstleistungen auf den Teller zaubert.

Uns hat dieser Abend 103 imaginäre Franken gekostet. Für den selben Preis bekommt man im Hotel Montana eine vergleichbar tolle Aussicht, ein schönes Restaurant und ein richtig tolles Menü in 5 Gängen. Wer jedoch unbedingt wieder einmal Gütsch-Luft schnuppern möchte sollte am besten noch ein paar Wochen mit der Reservation zuwarten. Bis dahin werden die einzelnen Zahnräder hoffentlich besser greifen und dann dem Gast auch kulinarisch ein Lächeln aufs Gesicht zaubern.

Menü: Das Speiseangebot beschränkt sich auf eine gut sortierte à la carte Auswahl. Man hat die Wahl aus sieben Vorspeisen (12 – 28 Franken) elf Hauptgängen (25 – 57 Franken) und eine handvoll Desserts (15 – 18 Franken). Ein Menü wird nicht angeboten. Unser Restaurantbesuch dauerte 2:30 Stunden wovon einen Grossteil der Zeit fürs lange Warten verstrich.

Online: Auf der Homepage findet man die wichtigsten Informationen, also Speise- und Weinkarte. Fotos von den einzelnen Speisen sind nicht aufgeschaltet.


Wertung:
Gourmör 

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4 Gedanken zu “Château Gütsch, Luzern

    • So wie es im Moment aussieht, wird das weisse Schloss wieder in einen Dornröschenschlaf fallen. Das Baugesuch wurde zwar erteilt, doch dieses ist in der Zwischenzeit wieder verfallen. Zum Glück gibt es aber in der Nähe von Luzern zwei kulinarische Highlights: 1. Das Annex in Weggis und 2. das Belvédère in Hergiswil. Dort kocht übrigens der ehemalige Gütsch Koch. Viel Spass ond en Guete.

  1. Die bewegte Geschichte des Chateau Gütsch setzt sich fort…. Ein Auf und Ab die letzten Jahre – schade, dass auch dieser neue Versuch zumindest beim Probelauf nicht geklappt hat… Ich wünsche dem Gütsch, dass es irgendwann wieder in ruhige & erfolgreiche Bahnen einkehrt und nicht nur als pittoreskes Wahrzeichen auf Luzern herunterblickt!

  2. Super Artikel!
    Sehr schade, dass der Gütsch von einem gehobenen Gastronomiekonzept weggeht… Bratwürste von der rechten Tischseite serviert, linke Hand hinter dem Rücken… what the hell!?
    Der Einsatz minderwertiger Ware sowie die schlechte Zubereitungsart (zähes Fleisch beim Züri-Geschnetzeltes!) wäre für mich auch der totale Ablöscher gewesen.
    Schade wegen dem Dessert. Reto Lampart macht seine Tarte Tatin hingegen perfekt.
    Fabian Inderbitzin war dort einmal Chef – es liegen Welten zwischen was ich heute hier gelesen habe und was ich in Hergiswil im Belvedere gegessen habe.

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