Quique Dacosta in Dénia (Spanien)

Dénia gehört zu den schönsten Ortschaften die wir auf unserer Spanienreise besuchten. Die engen Gassen laden zum flanieren ein und in den meisten der unzähligen Restaurants würden wir am liebsten gleich Platz nehmen.

Wir haben für heute Abend aber andere Pläne und bereits einen Tisch beim neuen 3-Sterner Quique Dacosta reserviert. Sein gleichnamiges Restaurant liegt wenige Kilometer vom Zentrum von Dénia entfernt. Über eigene Parkplätze verfügt das Gourmetrestaurant zwar nicht, jedoch hat es direkt vor dem weissen Haus eine breite Strasse an der man das Auto problemlos abstellen kann.

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Der Eingangsbereich ist offen und einladend gestaltet. Hier erhaschen wir auch einen Blick in die Küche und auf einen kleinen Gemüse- und Kräutergarten. Ein gut gelaunter Mitarbeiter begrüsst uns am Empfangsdesk. Zum Apéro geht es nicht direkt an den Tisch, sondern à la Schloss Schauenstein, in eine gemütlichen Lounge. Wir haben Glück, die Plätze draussen sind alle besetzt und wir werden in den angenehm klimatisierten Wintergarten gesetzt. Hier erhalten wir eine kleine Mappe die einige Hintergrundinformationen über das Quique Dacosta enthalten. Darin finden wir auch Block und Bleistift für etwaige Notizen. In Anbetracht des umfangreichen Menüs, ist dies ein willkommenes Hilfsmittel.

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Das Menü steckt in einem weissen Umschlag und heisst „Made in the Moon“. Es enthält alle aktuellen Kreationen. Alternativ gibt es das kleinere Menü „Local Universe“, in dem man die Highlights der letzten Jahre und Auszüge aus dem aktuellen Menü kredenzt. Das „Made in the Moon“ ist umfangreicher, weshalb unsere Wahl auf dieses fällt. Wir dürfen uns auf schätzungsweise 50 Kreationen freuen, welche in sechs Akte aufgeteilt sind. Der Auftakt machen die Snacks. Dann geht es weiter mit den Tapas, Mains, Meat und Desserts bevor der letzte Akt – The magic box – das Menü abschliessen wird.

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Snacks: Gin Tonic of apple // Petals of roses [-/10]

Neben einem süssen Apfeldrink stellt man uns auch rote Rosen auf den Tisch. Erst als man uns auffordert die Rosenblätter zu essen bemerken wir, dass die mittig liegenden Blätter anders aussehen. Mit einer dazu gereichten Pinzette ziehen wir diese vorsichtig raus. Die hauchdünnen, rot gefärbten Apfelscheiben sind knackig und schmecken angenehm süss. Ein erfrischender Auftakt.

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Snacks: Roots of boletus, Dubonnet leaf, Dry leaf of sweet corn, leaf of herbs in vinegar, apple leaf, Chestnut leaf // Stones of parmesan cheese [5/10]

Die täuschend echt wirkenden Steine sind mit herzhaftem Blauschimmelkäse gefüllt. Auf der Holzplatte daneben finden wir verschiedene Blätter – mal getrocknet, als Chip oder leicht gewürzt in natürlicher Form. Die Texturen sind spannend, leider bewegt sich der Geschmack ausschliesslich im bitteren Bereich.

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Snacks: Tomato in vinegar, Tomato in dry vinegar, Raïm del pastor // Lichen // Dulse seaweed with a codium emulsion [-/10]

Die letzten Snacks werden serviert. Auf dem ersten Teller finden wir reife Tomaten in natürlicher Form sowie Getrocknete mit etwas Essig. Auf den Steinen in der Auflaufform liegen Flechten, von denen man die, an Rosmarin erinnernden, winzigen Blätter abbeissen kann. Zu guter Letzt erhalten wir getrocknetes Seegras, welches zwar sehr knusprig, aber wenig geschmacksvoll ist.

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Der erste Akt ist damit abgeschlossen, für das restliche Menü werden wir an unseren Tisch im eigentlichen Restaurant begleitet. Dieser Ablauf scheint nicht allen logisch. Am Nebentisch sind drei Mitarbeiter nötig um den russischen Gästen zu erklären, dass sie unmöglich das komplette Menü hier draussen essen können.

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Das Restaurant ist sehr puristisch eingerichtet. Auf den weissen Holztischen liegen keine Tischtücher. Auch die Stühle sind schlicht und leider auch etwas unbequem. Die schwarz-weisse Einrichtung erinnert uns an ein Schachbrett. Der Raum ist gut klimatisiert und dank den Glaswänden sieht man sowohl in die Küche, als auch in das Innenleben des grossen Weinschrankes.

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Die Servicebrigade macht einen guten Job und behält immer die Übersicht. Zwar ist es oft etwas hektisch im Speiseraum, doch in Anbetracht des umfangreichen Menüs ist das verständlich.

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Tapas: Strip of sea bass // Pepperwort // Dove nest [5/10]

Das Thunfisch-Sashimi isst man zusammen mit dem Pfefferkraut, auf dem es liegt. Die Kombination ist sehr spannend. Der dezente Einsatz von Wasabi bringt die nötige Rasse. Bis jetzt das Beste, das man uns heute Abend serviert hat. Der Wolfsbarsch auf dem Löffel, geriet dagegen etwas fad. Das Dove-Nest ist zwar angenehm knusprig, die Flüssigkeit im Innern schmeckt aber sehr befremdlich.

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Tapas: Pesto // Moshi of blue cheese and honey „alioli“ [7/10]

Ganz stark die nächsten beiden Tapas. Ein sehr frisches Cornet, gefüllt mit intensivem Pesto. Daneben ein Moshi, eine Spezialität aus Japan: Eine leicht süsse, weiche brotähnliche Masse, gefüllt mit Blue Cheese und Honig.

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Tapas: Crèpe of strawberries // Almonds [5/10]

Süsse Erdbeeren auf einem Minzblatt – eine logische und sehr gut harmonierende Kombination. Weshalb man aber bereits zum jetzigen Zeitpunkt auf solch süsse Akzente setzt, bleibt das Geheimnis von Dacosta – besonders weil man uns gleichzeitg Mandeln serviert, welche nicht etwa süss sind, sondern unter einem kohligen Gelée liegen.

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Tapas: Hot ice cream [7/10]

Für das nächste Gericht wird ein Eiswagen an den Tisch gekarrt. Vor unseren Augen wird ein Cornet zerbröselt und anschliessend auf das „Vanille-Eis“ gestreut. Zu guter Letzt wird es noch mit flüssigem „Caramel“ betreufelt. Eine kreative Anrichtung, die leider etwas gar hastig umgesetzt wird – hier sollte man sich The Fat Duck zum Vorbild nehmen, dort werden solche Gänge richtiggehend zelebriert.

Das „Eis“ besteht aus einer warmen Ei-Masse, mit einem Hauch Vanille. Die Kombination mit der warmen, getrüffelten Sauce funktioniert hervorragend.

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Tapas: Ravioli of beetroot // Yoghurt with Campari [6/10]

Das Joghurt-Campari Meringue ist erfrischend und mit den süss-sauren Komponenten gut ausbalanciert. Auch der Randenraviolo, gefüllt mit Krabbenfleisch, ist delikat.

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Tapas: Seeigel – Limettig [6/10]

Je nach Saison und Verfügbarkeit schiebt Quique Dacosta gewissen Gerichte zusätzlich ins Menü. Wie dieser Seeigel und die Couteau-Muschel. Eine sehr naturbelassenes und intensives Arrangement.

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Snacks: Mediterranean taco / Coca of sweet corn [7/10]

Ein weiterer Höhepunkt: Der wunderbarer Tacco, sehr frisch und kross – der uns für ein paar Sekunden auf eine Reise nach Mittelamerika nimmt. Auch die goldene, knusprige Scheibe mit dem süssen Mais schmeckt toll!

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Pig’s marrow and crumble // Iberian explosion [6/10]

Jetzt wird es animalischer. Zum einen mit einer starken Consomé mit intensiven Mark und zum anderen mit einer Iberischen Explosion. Hier hat man nicht zu viel versprochen. Kaum platzt der Happen im Mund, setzt sich ein intensiver Geschmack nach dem edlen Schwein frei. Vor allem der angenehmen Geschmack nach Eicheln ist omnipräsent.

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Mains: Kefir of celery, dill and vodka [6/10]

Jetzt startet der 3. Akt, die Hauptgänge.

Der Start überzeugt. Uns gefällt dieses leckere und zugleich erfrischende Gericht, dank dem knackigen Sellerie und den kühlenden Gurken. Auch die Auster bringt sich pointiert ins Gericht ein.

Gleichzeitig erhalten wir mit den verschiedenen Grissini etwas Gebäck auf den Tisch.

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Mains: Protein of Oyster [5/10]

Unter dem angenehm meerig schmeckenden Mousse verbergen sich drei feine Austern. Ein sehr stimmiges, aber auch intensives Gericht. Die zusätzlich gereichten Algen-Grissini sind geschmacklich leider sehr ausdruckslos.

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Mains: Gamba: boiled / tea of prawns and chards [6/10]

In auffallend rotem Cellophan kommt ein Klassiker des Hauses auf unseren Tisch. Der Gambero Rosso muss zuerst geschält werden und schmeckt sehr gut. Trotzdem können wir die vielen Lobeshymnen aus der Blogger-Welt nicht unterstreichen. Denn gerade im Vergleich zu den etwas grösseren Exemplaren, die wir vor ein paar Monaten im Lampart’s genossen haben, wirken diese geschmacklich doch recht blass. Zum Glück wird zusätzlich zum Gamba eine hervorragende Consomée serviert. Welche nicht nur verdient Applaus bekommt, sondern aus dem Gericht etwas besonderes macht.

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Mains: Eel [5/10]

Das sehr stimmige und süffige Gericht mit Aal, schliesst den Akt der Hauptgänge ab..

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Meat: Smoked mezcal – Grilled ravioli [5/10]

Die mit hauchdünnem Fleisch beladenen Kissen werden an unserem Tisch leicht geräuchert – der Duft nach Weihrauch verbreitet sich im ganzen Restaurant. Die Häppchen sind fein. Zur Erfrischung gibt es Limetten mit einer Tequilla Füllung.

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Garrofo (butter beans) [5/10]

Die weissen „Bohnen“ sind mit Kaninchenfleisch gefüllt. Handwerklich toll umgesetzt, macht es geschmacklich wenig Sinn, etwas Fleisch in eine Zuckerhülle zu packen. So ist das Kaninchen auch beinahe nicht auszumachen. So erfreuen wir uns ob dem feinen Jus und den echten Bohnen die daneben liegen.

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Meat: Rice „carnaroli“ of duck beetroot and hazelnut / Liver [7/10]

Der Reis ist perfekt zubereitet und dank Nüssen sehr spannend im Goût. Der dezente Rotweinschaum baut die Brücke zum zweiten Teller, indem die Taubenleber in einem tiefen Jus liegt.

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Desserts: Yoghurt frost with rose [5/10]

Der süsse 5. Akt startet mit einer feinen Joghurt-Rosen Komposition. Dies ist wiederum ein zusätzlich eingeschobenes Gericht, welches so nicht auf dem Menü steht und später auf der Rechnung mit „invitación“ aufgeführt wird. Die abwechslungsreichen Texturen und die süffige Art überzeugen – eine memorable Pãtissierkunst ist das aber nicht.

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Desserts: Black forest [5/10]

Die Textur vom Meringue ist zwar gewöhnungsbedürftig, der Geschmack und die knusprigen Streusel machen aber Spass. Ein schönes, kirschiges Dessert, welches aber um ein vielfaches eindimensionaler schmeckt als erhofft.

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Desserts: Cinnamon branch – Prunes [6/10]

Die Pflaumen mit essbarem Kern sind witzig und fein zugleich. Die falschen Zimstängel schmecken nach Schokolade und begeistern wegen der luftigen Konsistenz.

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The magic box: Crocante of almonds, trufle of rum, Gold stones [5/10]

Den letzten Akt geniessen wir draussen in der Lounge bei einer Tasse Kaffee. Es ist mittlerweile 2 Uhr und angenehm kühl geworden. Die Magicbox wird uns zuerst leer präsentiert. Dann wird die Kiste geschlossen, ein paar mal gekonnt geschüttelt et voilà – beim nächsten Aufklappen erscheinen ein paar Nuggets. Diese schmecken fein, erfüllen bei diesem Zaubertrick aber eher eine Statistenrolle.

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Fazit: Das war das umfangreichste Menü, das uns bisher serviert wurde. Das Handwerk ist extrem präzis, die Speisen sehr fantasievoll und kreativ. Quique Dacosta und seine grosse Brigade beherrschen das Spiel mit den unterschiedlichen Texturen und spannenden Kombinationen eindrücklich. Würden wir diese Attribute bewerten, würde klar die Höchstnote winken. Wir beurteilen aber ausschliesslich den Geschmack und da reicht es nicht, wenn lediglich eine handvoll Gerichte überzeugen, während der grosse Rest schon am nächsten Morgen wieder vergessen ist. Gerade die Desserts, aber auch die Snacks zu Beginn, haben enttäuscht.

Trotzdem, der Preis von 180 € pro Menü ist nicht gänzlich fehlinvestiert. Die abwechslungsreichen Kreationen heben die geschmacklichen Differenzen zu einem Grossteil auf. Und so bescherte uns das Menü „Made in the Moon“ ein über vier Stunden langes Abenteuer, welches vor allem optisch überzeugte. Wer des Geschmackes wegen nach Dénia reist, wird das Restaurant aber eher ernüchtert verlassen.

Die Servicebrigade macht einen guten Job und behält immer die Übersicht. Zwar ist es oft etwas hektisch im Speiseraum, doch in Anbetracht des umfangreichen Menüs ist das verständlich.

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Menü: Es gibt zwei Optionen: das grosse Menü „Made in the moon“ in 6 Akten zu 181.50 € sowie das „Local Universe“, einem Auszug aus dem aktuellen und vergangen Menüs zu 148.50 €. Wir empfehlen das grosse Menü zu bestellen.

Zeit: Das grosse Menü dauerte 4.5 Stunden.

Wein: Die Weinbegleitung für das grosse Menü kostet 93.50 €. Die Weine sind gut auf die Speisen abgestimmt auch wenn der Umfang an verschiedenen Weinen etwas gar gross ist. Zudem werden die Tropfen vom spanischen Sommelier etwas gar hastig präsentiert.

Online: Die Website ist übersichtlich gestaltet, bietet vie Wissenswertes, und enthält auch das aktuelle Menü und viele Bilder.

Wertung: Gourmör O6 / Michelin M3

(Besucht im Juli 2013)

Aqua in Wolfsburg (Deutschland)

Zugegeben, etwas verrückt ist es schon, lediglich für einen Restaurantbesuch 18 Stunden im Zug zu sitzen – und das an einem Wochenende. Doch um in den Genuss der Kochkunst vieler hochdotierten Köche zu kommen, erfordert es eine längere Anreise. So auch wenn man Sven Elverfelds einen Besuch abstatten möchte. Der 44-jährige wirkt seit zehn Jahren in Wolfsburg und gilt als einer der besten Köche Deutschlands.

Die Fahrt ist abenteuerlich. Anders als bei unserer SBB, gehören Verspätungen bei der Deutschen Bahn, zum Alltag. So haben wir dann auch prompt unseren Anschlusszug verpasst und erreichten das Ziel mit einiger Verspätung. Schon vom Wolfsburger Bahnhof fällt der Blick auf die imposanten Schornsteine des Volkswagen Werks, dem wichtigsten Arbeitgeber in der Region. Seit 2000 findet man hier auch die Autostadt – eine der grössten deutschen Freizeitparks. Hier erfährt man viel über die Geschichte des Konzerns und des Automobils im Allgemeinen. Doch auch Kunst, Architektur und Kulinarik nehmen einen wichtigen Platz ein. So findet man hier nicht weniger als neun Restaurants, in denen mit viel Sorgfalt und ausschliesslich mit Bioprodukten, gearbeitet wird.

Am Genussabend „Natürlich Tafeln“ können wir uns davon selber überzeugen. Zusammen mit Lieferanten und Produzenten, demonstrierten die Restaurants ihr Können. Wir wünschen, dass ein solches Kulinarikangebot Schule macht. Einen Museeumbesuch mit hausgemachten Kürbis-Ravioli abzurunden macht definitiv mehr Spass, als wenn man sich von industriell gefertigten Produkten aus der Selbstbedienungsrestaurant ernähren muss.

Auf dem 25 Hektar grossen Gelände der Autostadt, befindet sich auch ein 5 Sterne Hotel der Amerikanischen Kette „The Ritz Carlton“. Darin ist das Restaurant ‚Aqua‘ beherbergt – der Grund unserer weiten Reise. Unser Taxifahrer mit auffälligem Schnurrbart, fährt an den eindrücklichen Autotürmen vorbei und kommt direkt vor dem Hoteleingang zum stehen. Dort werden wir vom Portier ins Innere des Hotels begleitet. Die Lobby ist einladend. Von hier hat man auch einen guten Blick auf den beheizten Hotelpool, welcher draussen auf dem Fluss schwimmt. Unsere Mägen knurren und so entscheiden wir uns gegen einen Apéro-Halt und gehen stattdessen mit grossen Schritten den langen Gang Richtung 3 Sterne Restaurant.

Dort werden wir freundlich begrüsst, von unseren Mänteln befreit und durch das stilvolle Restaurant begleitet. Unser Blick fällt auf die ungewohnt vielen Kinder, die an den Tischen sitzen. Den kleinen Geniessern serviert man hier neben dem Menü auch einfachere Pasta Gerichte – vorbildlich!

Unser Tisch ist sehr schön hergerichtet. Das Menükärtchen wird von einem Metallhalter stilvoll getragen. Aus den Musikboxen berieselt uns Ludovico Einaudi mit „Una Mattina“ – was er noch drei weitere Male an diesem Abend tun wird. Durch die grosse Fensterfront beobachten wir die Hauptprobe der VW „Santana“ Enthüllung, welche drei Tage später hier gefeiert wird.

Maître Jimmy Ledemazel stellt sich uns vor. Er und sein französischer Akzent sind uns von Beginn weg sympathisch. Er begleitet uns auch sehr professionell und freundlich durch den ganzen Abend.

Snack & Knusperrillos [8/10]

Noch während wir das helle und freundliche Restaurant betrachten und uns rasch wohl fühlen, serviert man uns ein paar Willkommenshäppchen. Diese stehen auf eigens für das ‚Aqua‘ designeten Plexiglashalter – sehr stilvoll.

Wir starten mit den „Knusperrillos“. Diese sind extrem frisch und dem Namen gerecht, angenehm knusprig. Wir staunen, wie viel Geschmack sich aus den kleinen Häppchen entfaltet. Am besten demonstriert uns dies die Frühlingsrolle – die asiatischen Aromen sind richtig toll und verbreiten sich im ganzen Mund!

Ein wahres Geschmacksfeuerwerk zünden die karamellisierten Kalamata Oliven – himmlisch diese Kombination. Damit sind auch die langweiligen Oliven von heute Mittag, auf der Pizza eines Wolfsburger Innenstadtlokals, vergessen.

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Nach diesen ersten Köstlichkeiten haben wir Zeit das Menü zu studieren. Es stehen zwei Menüabfolgen zur Auswahl. Im Menü „Visionen“ werden neue Kreation serviert, im Menü „Impressionen“ einige Klassiker. Da wir das erste Mal bei Elverfeld essen und das Impressionen Menü noch zwei Gänge umfangreicher ist, entscheiden wir uns für dieses.

Beim Bestellen werden wir auf zwei zusätzliche Optionen aufmerksam gemacht. Zum einen sei heute Morgen ein frischer Steinbutt geliefert worden, welchen man anstelle der Seezunge ins Menü integrieren kann, und beim Hauptgang bietet man uns eine Alternative vom Wagyu (Marmorierung 9+) anstelle des Weidekalbs an. Leider erwähnt man dabei nicht, dass ein solches Wagyu-„Upgrade“ mit 35 € verrechnet wird.

Bei Sommelier Marcel Runge ordern wir eine passende Weinbegleitung. Nach der gestrigen Weindegustation sind uns 9 Gläster aber doch zu viel. Damit wir trotzdem die Auswahl des Sommeliers erleben können, ordern wir die Begleitung in halben Deziliter – diesem Wunsch kommt man gerne nach.

Zuerst gibt es aber noch eine kleine Blinddegustation – ein Standardprozedere hier im ‚Aqua‘. Dafür kommen die schwarzen Gläser, welche schon zu Beginn auf dem Tisch stehen, zum Einsatz. Wahlweise ein Wein oder für Alkoholabstinenzler ein Saft, gilt es zu erraten. Ein Gag, der eine versteifte Gesellschaft vielleicht etwas aufzuheitern vermag – wir hätten darauf aber gut verzichten können. Vermutlich hat das Servicepersonal diese Szene schon zu oft durchgespielt – und das spürt man auch.

Brot

Drei hausgemachte Brotsorten werden als nächstes aufgetragen. Jedes Gebäck ist sehr fein – die Auswahl eher klein. Die Butter salzt man auf Wunsch direkt am Tisch – edel. Der grosse Auftritt der Butter währt nur kurz, denn ein anderes Produkt auf dem Tisch erhält unsere volle Aufmerksamkeit: der Aufstrich aus Macadamianusspüree! Die himmlischen Aromen von Curry und Kokos machen absolut süchtig!!

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Suppen-Shots / Löffel-Degustation [9/10]

Die Menüs im ‚Aqua‘ starten immer nach dem gleichen Schema. Dazu zählen neben den „Knusperrillos“ auch die „Suppen-Shots“ und die „Löffel-Degustationen“. Deren Inhalt wird selbstverständlich regelmässig geändert. Auf unseren Löffeln liegen zum einen eingelegte Sellerie, PX-Essig & Joghurt und auf dem anderen, Süsskartoffel, Apfel & Backerbse. Bei Letzterem gefällt uns die knusprige Textur – etwas, was wir am heutigen Abend noch ein paar Mal antreffen werden. Die Löffel sind gut, viel besser jedoch die Shots. Während wir bei der Kaltschale von Gurken die stimmige Säure der Yuzu schätzen, macht uns der „Vitello Tonnato “ beinahe sprachlos. Wir hätten niemals geglaubt, dass man dieses Geschmackserlebnis, in fast flüssiger Form, so gut hinbekommt.

Zu guter Letzt beissen wir in den Zwiebelchip mit krosser Schweineschwarte. à la Ratatouille, finden wir uns in der Kindheit wieder, wo wir bei der Grossmutter Bratwurst an herzhafter Zwiebelsauce geniessen. Ganz stark!

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An dieser Stelle würde das eigentliche Menü starten – denn neben den Häppchen gibt es im ‚Aqua‘ kein eigentliches Amuse Bouche. Beeindruckt von unserer langen Anreise (oder von unserer Kamera?), schickt uns Sven Elverfeld jedoch einen zusätzlichen Gruss. Dies in Form eines Gerichts aus dem Menü „Visionen“.

Gänseleber / Zwetschge, Fourme d’Ambert & Haselnuss [9/10]

Die Terrine ist genial – wunderbar aromatisch, perfekt im Schmelz. Uns begeistern auch die vielen kleinen Nebendarsteller auf dem Teller. Am meisten wird das schöne Grundprodukt von der Zwetschge und den karamellisierten Haselnüssen unterstrichen. Aber auch die leicht dosierte Erdnusssauce und die wuchtigen Blauschimmelkäse-Nuggets, bereichern den tollen Hauptakteur, ohne von dessen wunderschönem Eigengeschmack abzulenken. Wir sind happy über diesen zusätzlichen Einblick in Elverfelds Küche!

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Hering & würzige Holunderblütenmarinade / Essiggurke, Radieschen & Pumpernickelcreme [6/10]

Wie Sven Elverfeld uns später am Tisch verraten wird, ist dies eine Hommage an seine Heimat. Dort gilt Hering auf Pumpernickel mit Gurke zu den bekannten Speisen. Uns gefallen hier der feste Biss des Fisches sowie dessen liebliche Holunderblütenmarinade. Der Rest schmeckt so wie man es sich vorstellt. Für uns ein sehr kreatives Gericht, welches aber geschmacklich nicht begeistert.

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Räucheraal / Kürbis, Grüner Apfel & Kernöl [9/10]

Wir leisten der Aufforderung der freundlichen Servicemitarbeiterin Folge und beginnen oben links, mit der warmen Kürbissuppe mit Apfeleis. Dabei begeistert uns sowohl die geschmackliche Marriage, als auch das Temperaturspiel zwischen warm und kalt. Grossartig! Auch für den restlichen Teller gibt es dasselbe Prädikat. Uns gefällt wie harmonisch alles schmeckt, wie perfekt jedes noch so kleine Element zubereitet ist und wie gut jede noch so mögliche Kombination zwischen Aal, Apfel und Kürbis schmeckt.

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Seezunge „Murat“ / Artischocke, Kartoffel & braune Butter [8/10]

Beim nächsten Teller kommt zuerst der Geruchssinn auf seine Kosten. Der Geschmack nach geschmolzener Butter ist himmlisch. Der Gaumen freut sich dann über die wunderbaren Kartoffeln – einmal in Form eines tollen Kartoffelstocks sowie über die kleinen Kartoffelwürfelchen, welche nicht nur sehr gut schmecken, sondern auch über eine knusprige Textur verfügen. Auch die toll zubereitete Seezunge überzeugt. Das Petersilienpüree und die Zitronentupfer runden das stimmige Gericht ab.

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„Kommt jetzt nicht das Kaninchen?“, fragen wir den Sommelier überrascht, als er uns einen Wein für das Foie Gras Gericht kredenzt. Mit einem knappen aber bestimmten „Nein, die Leber“ müssen wir uns begnügen. Unser irritierter Gesichtsausdruck bleibt auch dem Maître nicht verborgen. Er erklärt uns die Menüänderung, welche man vorgenommen hat, weil nicht alle am Tisch die Entenleber orderten. So serviere man uns das Kaninchen erst im nächsten Gang. Für uns verständlich, trotzdem erwarten wir, dass man die Gäste über solche Anpassungen informiert.

Gebratene Entenleber & Paella Aromaten / Chimichurri, Joselito Schinken, Bomba-Reis [8/10]

Auf dieses Entenlebergericht freuen wir uns besonders. Und da wir gute Paella lieben, sind wir besonders gespannt auf diese Kreation. Die Geschmäcker des spanischen Nationalgerichts sind dann auch gleich klar auszumachen. Wie schon bei den bisherigen Gerichten fällt auch hier auf, wie toll die einzelnen Elemente abgeschmeckt sind. Im ‚Aqua‘ sehnt man sich keine Sekunde nach einer Salz- oder Pfeffermühle – und das ist uneingeschränkt positiv zu verstehen.

Die Leber und alles Drumherum ist spannend zu essen. Auch hier dominieren wohlwollende Aromen, ein schöner Schmelz und die knusprigen Elemente. Einzig den zu stark reduzierten Lebergeschmack gilt es zu bemängeln. Der Balanceakt zwischen den verschiedenen Aromen ist hier nicht uneingeschränkt gelungen.

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Kaninchen – Pot au feu „Erinnerungen an Kreta“ / Weisse Bohnen, Blattspinat, Feta, Oregano & Zitrone [6/10]

Mit diesem Gericht schaut Sven Elverfeld auf seine Zeit in Kreta zurück. Dort wurden ihm oft Eintöpfe serviert. Meistens hat man dazu Kaninchen geviertelt und mit verschiedenen Aromen eingekocht. Uns gefällt seine Edel-Variante. Das Kaninchen hat den perfekten Garpunkt, der Eintopf ist sehr stimmig gewürzt und überraschend vielfältig im Geschmack. Ein schönes Gericht, welches uns aber doch nicht veranlasst gleich einen Flug Richtung Griechenland zu buchen.

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Reis-Allerlei & Sot-l’y-laisse / Mimolette & Trüffel Magnatum Pico [7/10]

Sven Elverfeld schickt uns noch einen zweiten Gang vom „Visionen“- Menü. Was wir in der Tellermitte für Eigelb halten, ist flüssiger Mimolette, ein französischer Käse. Dabei schafft man eine sehr spannende Kombination mit dem wunderschönen Alba-Trüffel. Uns gefällt auch der perfekt zubereitete Wildreis. Einzig die Sot-l’y-laisse haben bei den dominanten Aromen eine etwas gar schwierige Aufgabe.

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Champagner Crèmsorbet / „Ruinart Rosé“ [7/10]

Der Klotz auf dem die Erfrischung serviert wird, besteht aus echtem Eis – eine sehr stilvolle Präsentation. Das darin liegende Champagner Crèmesorbet wird vor unseren Augen mit etwas Rosé von „Ruinart“ übergossen. Wir sind vom Aroma stark beeindruckt. Das Eis ist wunderbar crèmig und sehr erfrischend.

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Brust & Bries vom Weidekalb / Bete, Steckrübe, Linsen & Senf [7/10]

Der Hauptgang ist bodenständiger als die bisherigen Gerichte. Uns gefällt die Komposition gut, auch wenn wir auch hier nicht in Freudentaumel ausbrechen. Dafür sind die gestreiften Steckrüben zu belanglos. Auch der Kalbsbrust fehlt es an Ausdruck. Daumen hoch dann für das aromatische Bries und die tolle Senfsauce mit Linsen. Auch die Rande ist von beeindruckender Qualität!

Nach dem Hauptgang gibt es eine Erfrischung in Form eines warmen Lappen. Zwischenstand: ein tolles Menü, bei dem wir aber doch das eine oder andere grosse Highlight vermissen. Aber noch geht es weiter…

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Handkäs‘ mit Musik – geeist „Hommage an meine Heimat“ [-/10]

Beim Käsegang entschieden wir uns gegen die Auswahl vom Käsewagen und für eine kreative Komposition. Diese hessische Spezialität wird am Tisch finalisiert. Für uns ist das Ganze masslos übersalzen und überhaupt kein Genuss.

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Buttermilch & Johannisbeeren / Lakritz & Fenchel [10/10]

Was für ein Dessert! Sowohl konzeptionell als auch geschmacklich ganz grosse Klasse! Dazu hat Pâtissier Eric Räty die ausschliesslich süssen Pfade verlassen und die Nachspeise unorthodox mit Gemüse kombiniert. Dabei findet er eine perfekte Balance zwischen den beiden konträren Geschmacksrichtungen und hat ein innovatives, gar wegweisendes Dessert kreiert. Des Weiteren ist dieses Dessert überraschend leicht und sehr erfischend. Wir sind sprachlos!

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Süsses Finale [8/10]

Zum Schluss werden sowohl die klassischen, als auch die progressiven Schleckmäuler glücklich. Für Letztere ist die spannende Rotkohlsuppe mit Joghurtsorbet, Granatapfel und schwarzem Sesam. Für die Klassiker das fluffige Kokosespuma mit Zuckermais und Fingerlimes. Beides ist in jeweiliger Art eine ganz tolle Kreation. Der Quitten-Cupcake & Frischkäsemousse ist extrem aufwendig und filigran zubereitet, aber geschmacklich nicht ganz so spannend.

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Pralinen [9/10]

Zum Kaffee wird nochmals ein Wagen vorgerollt. Darauf zählen wir 20 verschiedene Pralinen mit spannend klingenden Namen. Wir wählen deren fünf und erfreuen uns an den schönen Kombinationen, den starken Aromen und der hohen Handwerkskunst! Ein wunderbarer Abschluss!

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Fazit: Wir erlebten in Wolfsburg einen grossartigen Abend. Wir spürten bei jedem Gericht den immensen Aufwand, der dahinter steckt. Alles war perfekt abgeschmeckt und vieles spannend kombiniert. Auch der Präsentation und der präzisen Taktung der Speisefolgen werden hier eine grosse Bedeutung beigemessen. Sven Elverfeld und sein Team haben von Beginn an alles im Griff.

Was wir jedoch vermissten waren die ganz grossen Highlights. Die Gerichte, die ein 3 Sterne Restaurant ausmachen. Bis auf das Dessert wurden uns keine solchen Kreationen serviert. Auch in anderen, mit Höchstwertungen ausgezeichneten Restaurants reiht sich nicht ein Höhepunkt an den anderen, doch drei, vier Gerichte sollten schon dabei sein, um einen Besuch unvergesslicht zu machen. Im ‚Aqua‘ waren diese Momente leider stark limitiert. Für uns etwas erstaunlich, da das Rüstzeug zu kulinarischen Höheflügen klar vorhanden war. Fehlt es an Mut für die letzte geschmackliche Konsequenz?

Der Service unter Maître Jimmy Ledemazel machte einen sehr guten Job. Trotz der noblen Atmosphäre schaffen er und sein Team eine sehr angenehme Stimmung. Nur schade, dass wir zum Schluss noch wegen der Rechnung reklamieren mussten. Denn die Weinbegleitung mit halben Dezi wurde uns zum vollen Preis von 175 € verrechnet. Nach unserem Hinweis mussten wir geschlagene 10 Minuten warten, bis Sommelier Marcel Runge wieder an unserem Tisch erschien und wortlos dieselbe Rechnung wieder neben uns auf den Tisch legte. Erst als wir uns untereinander fragend anschauten, kam er nochmals zurück und wies auf die korrigierte Quittung hinter dem ersten Beleg hin. Solche Szenen sind unnötig.

In der schönen Hotelbar mit Zigarrenlounge hakten wir das Malheur ab und liessen die Gedanken wieder um die tollen Gerichte des Abends kreisen. Der Ausflug nach Wolfsburg hat sich für uns gelohnt. Wir genossen hier eines der besten Menüs 2012.

Menü: Es stehen zwei Menüs zur Verfügung: „Visionen“, eine Retroperspektive in vier (135 €) bis sieben Gängen (175 €) oder das Menü „Impressionen“ in sechs (160 €) bis neun Gängen (205 €). Dazu reicht man zwei Wellen mit Häppchen und Friandises sowie Pralinen. Wir wurden 5 Stunden kulinarisch verwöhnt.

Wein: Neben einer beeindruckenden Weinauswahl, wird auch eine passende Weinbegleitung angeboten. Diese hat mit 175 € (für 8 Gläser in 9 Gängen) einen stolzen Preis. Folgende Weine wurden uns kredenzt:

2009 Weissburgunder Scheiben, Leht, Wagram
2011 Silvaner Sehnsucht, Horst Sauer, Franken
2010 Pedra de Guix, Terrior al Limit, Priorat
2010 Sequillo, Eden Sadie, Swartland
2010 Botani, Jorge Ordonez, Malaga
2006 Campo alla Sughera, Bolgheri
2011 Rotapfel, Schneider, Frankfurt
2005 Château de Rayne Vigneau, Sauternes

Online: The Ritz Carlton ist stolz auf sein kulinarisches Aushängeschild und spendiert dem ‚Aqua‘ einen eigenen Webauftritt. Auf der schön gestalteten Website findet man neben den aktuellen Menüs auch Fotos und Informationen über das Restaurant und Team.

Wertung: Gourmör O9 / Michelin M3 / Gault-Millau GM19

Sonderauszeichnung: Hier findet ihr eine Cigarren-Lounge

(Besucht im Oktober 2012)

Schauenstein in Fürstenau

Der Bündner Koch Andreas Caminada hat in seiner noch jungen Kochkarriere bereits vieles erreicht wovon seine älteren Berufskollegen schon lange träumen. Der heute 34 jährige absolvierte bis 1996 seine Kochlehre im Hotel Signina im benachbarten Laax. Damals galt seine Begeisterung aber mehr dem Wintersport als dem Kochen. Caminada gehört nicht zu den Köchen die schon als kleines Kind diesen Beruf erlernen wollten weil sie es zum Beispiel in der Küche gemütlich fanden oder sie der Geruch nach Mamas Hackbraten faszinierte. Er war eines der Kinder das richtig anpacken konnte und auch sein Sackgeld mit harter Arbeit während den Sommerferien verdiente. Kochen war bis zu seiner Lehre kein Thema und so war der Milchreis das einzige Gericht welches der sympathische Koch vor seiner Ausbildung zubereiten konnte.

Auch nach der bestandenen Prüfung hatte Caminada noch keine Ambitionen jemals auf hohem Niveau zu kochen. Diese Leidenschaft sollte ihn erst während einem Sprachaufenthalt in Kanada packen. Dort lernte er nämlich einen Comestible kennen. Dieser war von Caminada so begeistert, dass er ihn in die Welt der Gourmet Gastronomie einführte. Der junge Caminada war rasch Feuer und Flamme als er sah was in seinem Beruf alles möglich war. Wieder in der Heimat zurück heuerte er bei grossen Köchen an. Er absolvierte Stages bei Lumpp (Bareiss in Baiersbronn), Hanspeter Hussong (Wirtschaft zum Wiesengrund in Uetikon) sowie bei dem inzwischen verstorbenen Beat Bolliger im Walserhof in Klosters.

Bereits nach wenigen Jahren (2003) hat er mit seiner damaligen Partnerin Sieglinde Zottmaier das Schloss Schauenstein im neun Seelendorf Fürstenau gepachtet. Schon bald mauserte sich das Restaurant zum hoch gehandelten Insider-Tipp. Und dies war der Anfang seines kometenhaften Aufstiegs:

2004 – Gault-Millau „Entdeckung des Jahres 2005“
2006 – Michelin vergibt den 1. Stern
2007 – Michelin vergibt den 2. Stern / Gault-Millau „Koch des Jahres 2008“
2008 – Michelin Aspirant für den 3. Stern
2009 – Gault-Millau „Koch des Jahres 2010“ sowie den 19. Punkt
2010 – der Ritterschlag durch Michelin, den 3. Stern für den erst 33 jährigen Andreas Caminada.

Da Caminada optisch auch als Kleidermodel durchgehen könnte und er in den Interviews immer sehr sympathisch und natürlich rüber kommt avancierte er auch schnell zum Werbeliebling. So nahm ihn Ringier (u.a. Herausgeber des Gault-Millau) unter Vertrag, V-Zug, Audi sowie das Schweizer Fernsehen für eine Image Kampagne. Auch für die Lebensmittelabteilung von Globus hat er an Weihnachten 2008 eine eigene Linie (in der eigenen Küche produziert) kreiert. Ab und zu steht er auch an einem fremden Herd (z.B. Ikarus in Salzburg im 2009) doch am liebsten (und auch fast immer) steht er persönlich hinter seinem Herd im Schloss Schauenstein.

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Wir waren sehr gespannt auf unseren zweiten Besuch. Der Erste lag fast zwei Jahre zurück. Damals arbeiteten neben Caminada lediglich drei weitere Köche und ein Pâtissier in der Küche. Diesmal ist seine Brigade etwas grösser – Caminada wird nun von fünf Köchen und einem Pâtissier in der kleinen Schlossküche unterstützt. Restaurationsleiter Oliver Friedrich hat ebenfalls zwei zusätzliche Mitarbeiter erhalten und leitet nun ein sechsköpfiges Team. Mit den Mitarbeitern in der Administration sowie den zuständigen für die sechs Hotelzimmer ergibt das ein Team von 23 Mitarbeitern. Dagegen stehen neun Tische an denen pro Abend etwa 26 Gäste bedient werden.

Das Auto konnten wir gleich vor dem im 17. Jahrhundert erbauten Schloss abstellten. Danach liefen wir ein paar Schritte durch den kleinen Schlossgarten, schnell die kurze Treppe hoch und standen dann vor einer schweren Holztür. Nachdem wir diese geöffnet hatten trat auch schon das erste freundliche Gesicht auf uns zu. Réceptionistin Bettina Rosenkranz hiess uns auf Schauenstein herzlich willkommen.

An diesem Abend stemmte sich der Sommer nochmals gegen den anstehenden Herbst und dank diesen warmen Temperaturen durften wir den Apéro auf der Terrasse geniessen. Und hier genossen wir nicht nur die schöne Aussicht sondern vor allem die Herzlichkeit der Mitarbeiter. Jeder Wunsch wurde erfüllt und Solche Wünsche hat man ein paar wenn man zu viert Essen geht. Der Eine mag keinen Fisch und die Dame keine Innereien – alles überhaupt kein Problem, man werde uns gerne etwas anderes Zubereiten (als Fairness gegenüber der Küche hatten wir unsere Änderungen im Voraus angemeldet und bekamen so bereits die angepassten Menükarten gereicht).

Noch ein Zeichen von Gastfreundschaft: Bevor man uns die Häppchen servierte fragte man bei uns nach ob jemand keine Entenleber mag, denn dies hätte man sich beim letzten Besuch notiert – wir staunten über diese Professionalität.

Apéro-Häppchen [10/10]

Die meisten Restaurants verstehen unter „Apéro-Häppchen“ Salzstängeli und gesalzene Erdnüsse. Gourmet-Restaurants werden kreativer und servieren kleine Häppchen in Form von frittierten Sardinen, kleinen Käseküchlein oder sonstigen kleinen Happen. Anders bei Caminada; er misst diesem ersten Auftritt einen sehr hohen Stellenwert ein und zeigt dem Gast gleich von Beginn weg was er und sein Team drauf haben. So blieben uns auch die Häppchen von unserem 2009er Besuch in bester Erinnerung. Auch dieses Mal war alles super frisch und auf sehr hohem Niveau.

Der Algenkräcker mit Saibling und Rauchfisch bildete gleich das Highlight – unglaublich frisch, wunderbare Aromen – absolut genial!

Die Gänseleber mit Holunderblüte stand dem in nichts nach – ebenfalls ein Traum!

Der etwas salzigen Gazpacho stahl klar der tolle Crouton die Show – dieser war richtig schön buttrig.

Tapioka, Zwiebel, Parmesan war ebenfalls ein überzeugender Auftakt. Aber mehr wegen dem tollen Zwiebel- und Parmesan Geschmack als wegen den Tapioka. Diese hatten bereits im The Restaurant im Dolder keinen Eigengeschmack.

Der einzige banale Happen war der Churros mit einer tollen Curry-Sauce. Der belanglose spanische Klassiker passte nicht zu den restlichen Happen welche geschmacklich bereits mehr zu bieten hatten als viele Restaurants den ganzen Abend.

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Nachdem wir den Auftakt so richtig genossen hatten und die Sonne sich langsam hinter die Berge schob wurden wir an unseren Tisch begleitet. Diesmal hat man uns einen der fünf Tische im vorderen Raum parat gemacht. Der Raum wirkt sehr einladend und heimelig. Neben dem schönen Holz dominiert eine modische Lampe. Die Tische haben einen sehr angenehmen Abstand. Obwohl es mit uns zwei Vierergruppen im Raum hatte war die Lautstärke extrem angenehm.

Auf dem Tisch stand pro Gast ein Kärtchenhalter. Darauf legte man uns zu jedem Gang und Wein ein Kärtchen auf dem die Details des Servierten standen. Ein interessanter Einfall da man so immer wieder auf die Karte lugen konnte wenn man bei einer Zubereitungsart nicht sicher war. Diese Kärtchen haben wir am Ende noch mit auf den Heimweg bekommen.

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Nun wurde uns das hausgemachte Brot in einem schwarzen Stoffsack serviert. Dazu gab es zweierlei Butter, einmal mit und einmal ohne Salz. Das Brot war schön warm und richtig genial im Geschmack! An den knusprigen Stellen hatte man sogar das Gefühl man beisse in einen Kuchen! Die Butter und das Brot wurden nach den ersten Amuse Bouches ausgetauscht. Dass man uns nach der Hälfte des Abends die Wassergläser durch Neue ersetze fand ich noch in Ordnung, aber frisches Brot weg zu schmeissen ist in meinen Augen ein ökologischer Schwachsinn. Es hätte absolut gereicht die eine Butter wieder aufzufüllen.

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Langustine; gebeizt, roh, gebraten / Basilikum; Mousse / Limone – Yuzu [9/10]

Der erste Gruss aus der Küche begeisterte zuerst unseren Geruchssinn. Nur selten riecht man so frische Meerestiere auf einem Teller. Danach erfreute sich das Auge über die schöne Komposition. Doch Gourmets kennen das Problem der vielen kleinen Punkte und Schäumchen welche zwar hübsch aussehen aber für den Geschmack keine Bereicherung sind. Ganz anders hier (und bei allen folgenden Gängen) jedes Element auf dem Teller machte absolut Sinn, schmeckte intensiv und leistete seinen Beitrag für das grosse Ganze.

Zum Beispiel diese gebratene Langustine mit dem wunderbaren Geschmack. Dieses Krustentier lag zusätzlich noch roh, in Form von Tatar, auf dem Teller. Bei dieser Zubereitungsart schmeckt man oft nur ganz wenig vom Tier – doch Caminada hat auch das im Griff und beweist, dass man mit dem richtigen Abschmecken (Estragon) einen grossen Genuss bieten kann.

Übrigens ein gutes Beispiel um zu zeigen, dass alle Elemente Sinn machen ist der unscheinbare Kreis unten auf dem Teller. Diese Crème schmeckte wunderbar nach Limone und zwar in der genau richtigen Dosierung. Das bedeutet, dass der Geschmack nicht zu stark war um damit den Goût der Languste zu torpedieren aber auch nicht zu schwach um zur Nebensächlich degradiert zu werden.

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Forelle; leicht gegart / Blumenkohl; Cous Cous, Mousse / Rote Beete; mariniert, knusprig / Grapefruit – Kohlrabi [10/10]

Die erste Sternstunde des Abends wurde in Form eines zweiten Grusses aus der Küche serviert.

Die Spielereien mit der Rande waren absolut spitzenmässig und delikat. Das Randen-Plättchen konnte man sich langsam auf der Zunge zergehen lassen und dabei träumen. Auch die restlichen Randen-Variationen brachten den Gaumen so nah an das rote Gemüse wie sonst nie – ein unglaubliches Erlebnis. Ähnliches erreichte auch der Blumenkohl in verschiedenen Formen – rein, intensiv und unvergesslich. Die Forelle aus der Region wurde durch die starken Mitspieler fast zum Nebendarsteller. Doch Dank der sanften Zubereitung (garen) zerging er förmlich auf der Zunge und war ebenfalls ein Genuss.

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Schinken; Beignet, Schaum / Senf; Eis, Vinaigrette / Kabissalat [8/10]

Wir staunten nicht schlecht als uns sogar ein drittes (!) Amuse Bouche serviert wurde. Und diese waren allesamt auf dem Niveau (Grösse und Kreativität) einer normalen Vorspeise! Trotzdem wäre es hier sicher empfehlenswert wenn man dies dem Gast vorher ankündigen würde. Es ist nämlich schade wenn das erste Glas Wein bereits leer ist aber nochmals ein Gruss serviert wird.

Bei dieser Speck- und Senf Kreationen gefiel mir das Pommery-Senf Eis am besten – es hatte einen schönen intensiven Geschmack. Aber auch die Vermischung zwischen dem Schinken, Senf und Kabis funktionierte sehr, sehr gut! Ein toller Gang wenn auch nicht mehr ganz so überzeugend wie die ersten Beiden.

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Gänseleber; Terrine, Eis, Crème brûlée [10/10]

Ein Blick auf die Uhr überrascht uns sehr, denn die ersten beiden Stunden waren wie im Fluge vergangen. Nun war es an der Zeit für den ersten Gang; respektive den ersten von zwei zusätzliche Überraschungsgänge die man für einen Aufpreis von 65 Franken ordern konnte.

Das Geld war absolut gut investiert denn diese Gänselebervariation war nicht nur das Highlight des Abends sondern gehört auch zu den besten Gerichten die ich jemals essen durfte. Es gab ein perfektes Gänseleber-Eis welches auf kleinen Apfel-Stückchen lag (Säure). Das Eis war aber nicht etwa gefroren sondern ’nur‘ sehr kalt. Somit schmolz es nicht nur traumhaft auf der Zunge sondern konnte auch sein volles Aroma entfalten. Eine weitere Zubereitungsform war die Créme Brûle. Caminada dosierte die Süsse perfekt und machte auch dieses Element absolut unvergesslich. Ebenfalls ein Traum die Leber-Terrine mit einem Hauch von schwarzer Schokolade – zum sterben gut!

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Thunfisch; Röllchen, gebraten, mariniert / Gurke; Relish, Salat / Avocado; Crème [8/10]

Das optische Highlight des Abends. Geschmacklich jedoch waren für mich die verschiedenen Tunas zu wenig ausgewogen. Uneingeschränkt überzeugen konnte mich lediglich die absolut tolle Tatar-Variante. Die Gurken waren für mein Empfinden etwas überproportioniert. Dafür war es umso erfrischender und passte gut zu diesem warmen Tag.

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Eierschwämmli / Kartoffel; Crème brûlée / Rind; Carpaccio, Tatar / Wachtelei [10/10]

Das Kartoffel Créme Brûle ist ein Signature Dish von Caminada und ist bereits seit Jahren auf seiner Karte – jeweils mit anderen Begleitern. Mal Trüffel oder Morcheln oder wie heute mit den ersten Eierschwämmchen. Wie schon beim letzten Mal waren wir sprachlos über diesen Geschmack – einfach toll dieses Aroma und die super Konsistenz. Wahrlich ein Traum!

Vor lauter Kartoffelgeschmack vergisst man fast das Fleisch. Zu Unrecht wie uns das unglaublich toll abgeschmeckte Tatar gleich danach bewies – ein toller Genuss!

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Bretonischer Hummer / Karotte; eingelegt, Purée / Wassermelone [10/10]

Der zweite Überraschungsgang war ein Hummer und zwar mit Abstand der Beste den ich jemals essen durfte. Meistens schmeckt dieses Krustentier zu fad und sogar etwas gummig. Ganz anders dieses edle Stück aus der Bretagne. Es war super frisch, perfekt zubereitet und hatte einen tollen intensiven Geschmack – richtig genial! Auch die restlichen Komponente (Wassermelone, Karotte) und der tolle Fond machen diesen Gang unvergesslich.

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Heilbutt; konfiert / Frühlingslauch / Erbse – Pak Choi / Estragoncrème [9/10]

Eigentlich hatte ich vom Heilbutt nicht viel erwartet. Zu oft wurde mir schon ein eher belangloser Fisch vor dem Hauptgang serviert. Doch Caminadas Crew gibt sich keine Blösse und zaubert auch hier ein absolut tolles Gericht. Der super zubereitete Fisch mit schönem Aroma lag an einer wunderbaren und intensiven Estragoncrème (geschmacklich wie eine Sauce Bernaise). Dazu gab es knackiges Pak Choi und Lauch. Die leichte Süsse von den Erbsen passte ebenfalls.

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Bündner Lamm; gebraten / Tomate; getrocknet, konfiert, roh / Peperoniröllchen / Harissa [10/10]

Das Lamm aus der Region ist nicht nur sehr zart sondern wurde auch in eine knusprige Marinade gepackt. Dazu gab es eine rassige Harissa-Sauce. Die Tomaten und Peperoni waren wiederum absolut spitze und eine grosse Bereicherung – jedes Element war anders in der Zubereitung und im Geschmack. Die unscheinbare Kartoffel-Créme war übrigens ein Highlight für sich!

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Käse

Andeerer Traum; Salsiz
Val Lumnezia Alpkäse 2010; Feigensenf
Val Lumnezia Alpkäse 2008; Preiselbeeren
Formagella; Apfelterrine
Suferser Ziegenkäse; Oliventapenade

Jetzt wäre die Zeit für den Auftritt eines gut sortierten Käsewagens gekommen, doch diesen gibt es auf Schauenstein leider nicht. Stattdessen gab es einen Tellerservice mit einer Auswahl von regionalen Käsen. Jeder davon wurde mit einer anderen Begleitung serviert von Salsiz über Senf bis zu einer Oliventapenade. Dazu wurde ein Stück Panforte gereicht sowie Birnenbrot.

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Erdbeere; Sorbet, Meringue / Himbeere; mariniert, gefüllt / Haselnuss; Japonaise / Mascarpone – Caramel [8/10]

Nach den vielen Amuse Bouches waren wir etwas überrascht, dass uns jetzt kein Pré-Dessert offeriert wurde. Handumkehrt standen wieder dreierlei Geschirr auf dem Tisch wovon ein Einzelnes in einem anderen Restaurant auch als Pré-Dessert durchgegangen wäre.

Der süsse Abschluss war beim letzten Besuch die einzige Schwachstelle. Heuer konnte man sich klar steigern und uns ein würdiges Dessert servieren. Wir genossen die tollen Haselnuss Japonaise und die wunderbare Caramel-Mascarpone-Créme. Dennoch konnte das Dessert nicht auf dem gleich hohen Niveau mithalten auf welchem viele der vorherigen Gerichte waren. Es war zwar super fein und abwechslungsreich, aber doch zu wenig ein Wow-Erlebnis. Gestört haben mich die leicht angelaufene Schokolade (direkt aus dem Kühlschrank?) und die absolut unreifen und dadurch sauren Walderdbeeren.

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Man fragte uns freundlich wo wir den Kaffee und die Friandises geniessen möchten; am Tisch, auf der Terrasse oder in einem der oberen Zimmer? Also liefen wir die Schlosstreppe hoch und bestaunten die beiden Räume. Im Ersten steht eine kleine Bar. Hier drin werden die Gäste bei schlechtem Wetter mit den Apéro-Häppchen verwöhnt, ein schöner und gemütlicher Raum. Wir entschieden uns aber für die Zigarren Lounge mit eigenem Humidor um noch eine Zigarre zu geniessen.

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Friandises [9/10]

Fruchtgelées / Lollies; After Eight, Brause / Pralinen; Orange, Zitrone, Caipirinha, Croquant / Marshmallows / Panna Cotta, Kirsch / Schokolade; Macarons, Schnitte / Passionsfrucht Mango

Absolut genial war die Schokoladen-Schnitte sowie das Macaron welches seine Sprüngli-Geschwister absolut alt aussehen lässt. Beim Praline gefiel mir die Version mit Croquant. Das Panna Cotta war sehr leicht und passte gut zum Abschluss. Der ganze Rest, also zum Beispiel die Gelées oder die Marshmellows waren witzig konnten mich aber bereits beim letzten Besuch nicht begeistern.

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Bevor wir das Restaurant verliessen erhielten wir alle noch eine kleine Tasche mit drei Knabbereien sowie einem kleinen Büchlein in dem die gesammelten Karten aufbewahrt waren sowie ein paar Bilder vom Schloss beinhalteten. Daneben hatte es noch viele leere Seiten die man zu Hause mit eigenen Fotos ausfüllen konnte.

Fazit: Andreas Caminada und sein Schauenstein Team haben uns 6 1/2 Stunden (!) lang auf höchstem Niveau nach Strich und Faden verwöhnt. Das Menü war grossartig in der Zubereitung, Präsentation und vor allem im Geschmack – der 3.  Michelin Stern (der einzige neue in Europa in diesem Jahr) ist absolut verdient. Ebenfalls richtig toll ist der Umfang des Menüs. Während andere Restaurants stur die 5 Gänge runterspulen zieht man hier alle Register und zündet bereits zum Apéro ein Feuerwerk. Zudem überraschte man uns mit drei genialen Amuse Bouches welche auch klar als einzelne Gänge verkauft werden könnten. Und dann noch ein Schlussbouquet zur späten Stunde welches man ungestresst irgendwo im Schloss geniessen konnte. Die 249 Franken fürs grosse Menü (respektive 314.- mit den zwei zusätzlichen Überraschungsgängen) sind absolut fair kalkuliert.

Ebenfalls ein grosses Kompliment geht an den sehr sympathischen Restaurationsleiter Oliver Friedrich. Der Deutsche stiess vor gut zwei Jahren zum Team und strotzt nur so von Enthusiasmus und weiss was Gastfreundschaft heisst. Friedrich ist zwar kein gelernter Sommelier hat sich aber schon ein sehr grosses Wissen angeeignet. Zudem betreut er die umfangreiche Weinkaurte autonom – sein Chef kümmert sich lieber um die passenden Gerichte. Die schwarz gekleidete Servicebrigade ist sehr professionell, zurückhaltend sowie locker und natürlich. Zudem agieren sie äusserst unauffällig – ich habe nicht einmal bemerkt, dass mein letzter Bissen Brot weggetragen wurde.

Dazu kommt die charmante und freundliche Art von Andreas Caminada wenn er zur später Stunde an den Tisch kommt und fragt ob es fein war. Er ist ein grossartiger Chef und eine immense Bereicherung für die ganze Gastro-Szene in der Schweiz. Er ist zwar souveräner in den Interviews geworden aber immer noch gleich bescheiden wie vor sieben Jahren als er noch als Insider-Tipp galt.

Für mich bietet das Schloss Schauenstein das grösste Genusserlebnis aller Restaurants in denen ich bis jetzt Essen durfte. Hier stimmt einfach alles. Sowohl die spitzenmässige Küche auf 3 Sterne Niveau als auch das tolle Schloss Ambiente und die unglaubliche Gastfreundschaft. Einen Dresscode kennt man nicht und auch sonst gibt es keinen Hauch von Überheblichkeit. Im Gegenteil, jeder Wunsch wird erfüllt und das auch vor dem Restaurant Besuch bei etwaigen Vorabklärungen. Denn was zählt ist das Gesamterlebnis – das oberste Credo von Caminada.

Eine Reise nach Fürstenau kann ich jedem Genussmensch wärmstens ans Herz legen. Dieser Ausflug ist zwar wegen der hohen Auslastung nicht spontan möglich aber für ein solches Erlebnis lohnt sich die achtmonatige Wartezeit (so früh muss man im Moment einen Tisch reservieren) allemal. Das Schloss Schauenstein ist für mich wie ein Traum aus dem man nie wieder aufwachen möchte.

Menü: Das Menü wurde früher monatlich geändert – jetzt nur noch angepasst. Viele Gerichte gibt es, wenn auch an die jeweilige Saison angepasst, das ganze Jahr. Die à la Carte Auswahl ist sehr klein und sehr teuer (Vorspeisen 48 – 98 Franken, Hauptgänge 78 – 98 Franken, Desserts stehen keine zur Auswahl). Grundsätzlich wird aber für fast alle Besucher das Menü im Mittelpunkt stehen und das kostet in 3 Gängen 198.- / 4 – 215.- / 5 – 230.- und 6 Gängen 245.-. Für einen Aufpreis von 65 Franken gibt es noch zwei zusätzliche Überraschungsgänge. Dabei kann jeder am Tisch selber entscheiden wie viele Gänge er essen möchte – die verbreitete Regel „muss Tischweise bestellt werden“ kennt man hier nicht. Ebenfalls ist es kein Problem irgendwelche Gänge zu tauschen. Falls man nicht alles isst, verlangt man am besten im Voraus die Menü-Karte und meldet ein paar Tage im Voraus was man nicht mag. Dann bekommt man vor Ort auch gleich das angepasste Menü. Zu allen Menüs gibt es die Apéro-Häppchen, 3 (!!) Amuse Bouches sowie Friandises. Unser Besuch dauerte 6 1/2 unvergessliche Stunden!

Wein: Neben einer Grossen Weinkarte (ca. 600 Positionen) gibt es auch zu jedem Gang eine Weinempfehlung. Diese beschränkt sich jeweils aufs Bündnerland. Die Preise sind recht hoch kalkuliert. Die Weinbegleitung wurde gut gewählt. Der Chardonnay von Gian-Battista war ausgezeichnet. Auch der Süsswein von Markus Stäger zur Entenleber war ein Highlight. Der Pinot Noir von Jann Marugg konnte nicht alle am Tisch begeistern. Auch der „Schweizer Port“-Vintage vom Weingut Donatsch überzeugte nicht ganz.

Unsere Weinbegleitung:

Markus Stäger, S 88 Scheurebe 2010, Maienfeld – Bündner Herrschaft

Peter Wegelin, Sauvignon Blanc 2009 , Malans – Bündner Herrschaft (18.-  für 1 dl)

Gian-Battista von Tscharner, Pinot Blanc / Chardonnay 2009, Reichenau – Bündner Herrschaft (18.- für 1 dl)

Manfred Meier, Chardonnay 2008, Zizers – Graubünden (18.- für 1 dl)

Jann Marugg, Pinot Noir Reserve 2008, Fläsch – Bündner Herrschaft (22.- für 1 dl)

Weingut Donatsch, Vintage 2009, Malans – Bündner Herrschaft (15.- für 5 cl)

Martha & Daniel Gantenbein, Riesling 2008, Fläsch – Bündner Herrschaft (14.- für 5 cl)

Dass man uns zum Apéro auf Anhieb keinen Weisswein anbieten konnte überraschte uns sehr. Man hätte uns zwar eine Flasch geöffnet, wir griffen aber anstandshalber zum angebotenen Rosé.

Online: Die Website ist nicht Smartphone freundlich da sie ausschliesslich auf Flash basiert. In meinen Augen sind die Fotos der Speisen nicht glücklich gewählt denn das was uns Serviert wurde sah viel besser aus als die Beispielfotos auf der Homepage. Ebenfalls fehlt mir das aktuelle Menü. Klar, das Restaurant ist für die nächsten 8 Monate ausgebucht aber trotzdem hätte man gerne einen Einblick um zumindest den virtuellen Hunger zu stillen.

Tipp: Zum Übernachten kann man auch gleich eines der schönen Zimmer im Schloss buchen (370.- bis 660.- / Frühstück + 39.- p.P.). Wer das nötige Kleingeld nicht hat dem empfehle ich das Hotel Weiss Kreuz in Thusis. Es steht lediglich vier Autominuten vom Restaurant entfernt.

Das Bündnerland ist wunderschön deshalb empfiehlt es sich bereits einen Tag früher anzureisen. Dann kann man am Morgen die atemberaubende Bernina Express Tour machen und am Abend bei Andreas Caminada essen..

Wertung: Gourmör Michelin Gault-Millau

Auszeichnung:      

(Besucht im September 2011)