Kreuzwirt in Leutschach (Österreich)

Die hügelige Landschaft Südsteiermarks ist unglaublich schön und erinnert uns an Jacksons Interpretation des Auenlands. Dass an diesen steilen Hanglagen einige weisse Trauben vorzüglich gedeihen, beweisen Besuche bei Weinbauern wie Peter Skoff, Hannes Sabathi und Tement. Dabei hat uns ein 11 jähriger Savignon Blanc so stark begeistert, dass wir überzeugt sind, in Zukunft vermehrt Erzeugnissen aus dieser Region kredenzt zu bekommen.

Wir sind auf dem Weg nach Leutschach, einem kleinen Dorf inmitten von Rebbergen. Dort besuchen wir das Restaurant ‚Kreuzwirt‘, welches an einer schönen Hanglage steht. Neben dem Restaurant findet man auf dem „Gut Pössnitzberg“ auch ein Hotel mit 40 modernern Zimmern sowie eine eigene Sektmanufaktur.

Am Herd des Haubenlokals ‚Kreuzwirt‘ steht seit sechs Jahren Gerhard Fuchs und begeistert landauf und landab die Gastro-Guides. So hält er 18 Punkte im Gault-Millau und war 2004 deren „Koch des Jahres“. Im Guide Michelin gab es, bis zur letzten Österreich Ausgabe im Jahr 2008, einen Stern.

Obwohl unsere Uhr fast 19 Uhr zeigt, ist das Restaurant noch komplett leer. Der Maître scheint ob unserer Ankunft etwas überrascht – bittet uns dann aber gerne ins Restaurant. Die Einrichtung gefällt uns sehr. Die Symbiose zwischen Holz und Glas ist gelungen. Dank der grossen Fensterfront hat man hier im Sommer bis in den späten Abend eine stimmige Aussicht auf die Rebberge. Wir erhaschen immerhin noch einen Blick auf das Abendrot und geniessen die Stimmung. Einzig die kleinen Fruchtfliegen, die hier überall herumschwirren, nerven etwas. Angelockt von den süssen Trauben, treffen wir die Winzlinge überall in der Steiermark an.

Wir ignorieren die Viecher und ordern ein Glas „Leutschach-Champagner“, mit dem uns auch gleich ein paar Häppchen erreichen:

Herbstliche Grüsse [-/10]

Drei typisch steirische Produkte, welche uns in dieser Jahreszeit überall in der Gegend begegnen, werden aufgetischt: Kastanien, Sturm und Kürbiskerne.

Die Kastanien sind von sehr guter Qualität und leicht karamellisiert. Kaum ist die erste im Mund, wird uns blitzartig bewusst weshalb wir diese Jahreszeit so sehr lieben.

Der Sturm ist eine weitere steirische Spezialität. Ein Erzeugnis aus früh gelesenen Trauben, welches an den in der Schweiz bekannten Sauser erinnert. Der Sturm ist jedoch etwas markiger und saurer.

Kürbiskerne sind in der Umgebung ebenfalls omnipräsent. An jeder Ecke bieten Bauern Kürbiskernöl an (unbedingt zugreifen!). Hier haben die Kerne den Auftritt in einem knusprigen Gebäck.

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Auf der gereichten Menükarte finden wir die Menüs „Kreuzwirt“ und „Steirischer Herbst“, Zudem wird uns ein Überraschungsmenü angeboten, welches wir gerne ordern.

Brot

Das hausgemachte Brot sieht zwar optisch nicht gerade vielversprechend aus, schmeckt aber sehr gut. Das mit Mozzarella und Tomaten gefüllte Gebäck „Galzone“ wirkt dagegen ausdruckslos und fad. Da gefällt uns die rassige Salami vom Freilandschwein viel besser! Eine gesalzene Butter und das geniale Kürbiskernöl runden das Angebot ab.

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Sauer marinierte Grammeln auf Polenta mit Ei & Kürbiskernöl [-/10]

Etwas Säure, eine knusprige Textur, viel Schnittlauch… vielleicht noch Ei? So schmeckt der Gruss aus der Küche. Uns lässt dieses langweilige Gericht mit Stirnrunzeln und der Hoffnung nach einer markanten Steigerung zurück.

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Calamari aus der Bucht von Piran, Karfiol & Mohn [-/10]

Zum Glück gibt es auf unseren kulinarischen Reisen fast keine Teller, die wir lieber in die Küche zurückschicken, anstatt sie bis auf den letzten Bissen zu geniessen – dieser hier gehört aber leider dazu. Das Gericht schmeckt schleimig und unausgereift. Die Gänseleber ist wässrig und geradezu eklig – eigentlich das ideale Instrument für eine Pfadfinder-Aufnahmeprüfung, aber bestimmt nicht um sie einem Gast vorzusetzen! Auch der Calamari ist viel zu fad. Zu guter Letzt hat man auf unserem Teller auch noch den annoncierten Mohn vergessen.

Die tollen, dazu gereichten Brioche mit Estragon stimmen uns etwas versöhnlich.

Gerhard Fuchs gibt sich eine zweite Chance, denn das Gericht wird in zwei Gängen serviert. Diesmal ist die Gänseleber karamellisiert – das schmeck viel besser. Jedoch lässt sich auch hier die schwache Produktqualität nicht verbergen. Der Leber fehlt es klar an Aroma. Beim Calamari können wir zur vorherigen Zubereitungsart keinen Unterschied ausmachen – auch bei der Würzung gibt es keine Verbesserung. Immerhin hat man diesmal den Mohn nicht vergessen – geschmacklich trägt dieser aber wie erwartet, nicht zu einem verbesserten Geschmacksbild bei.

Ein Gericht in zwei Gängen zu servieren kann sehr spannend sein. Hier wollte Fuchs verschiedene Zubereitungsarten- und Formen zeigen. Wir taxieren dieses Vorhaben als gescheitert – da passt zu vieles nicht zusammen.

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Der Karpfen aus dem Vulkanland & Kürbis [5/10]

Hier in der Gegend schwimmt fast in jedem Teich ein mächtiger Karpfen und viele Fischer machen Jagd auf die Pfundskerle. Dieses Exemplar stammt aus dem steirischen Vulkanland. Uns gefällt sein angenehmes Aroma und die schonende Zubereitung die Fuchs gewählt hat. Zusammen mit der Zitronenemulsion entsteht ein leichtes Säurespiel. Der süsse Kürbis geriet zwar etwas trocken, überzeugt uns aber Dank dem lieblichen Aroma. Der zweite Kürbis am Tellerrand, schmeckt zwar traumhaft nach Butter, aber etwas gar wenig nach Kürbis. Alles in allem ein schönes Gericht.

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Freilandei & Trüffel aus Istrien [-/10]

Langsam fragen wir uns, weshalb auf jedem Teller etwas Schaum liegt?! Vielleicht zur Ablenkung? Denn auch dieses Gericht ist fad und belanglos. Der Einsatz vom Parmesan ist viel zu minimalistisch und der geschmacksarme Trüffel aus Istrien kaum der Rede wert. Schade, gerade von dieser Kombination haben wir uns sehr viel versprochen.

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Der Ox aus dem Vulkanland [6/10]

Die gekochte Ochsenbrust gibt endlich etwas Power in das Menü. Das Fleisch ist sehr gut. Die herbstlichen Aromen vom Steinpilz, Grause Glucke, die Kräutern aus dem Garten, sowie der Waldfrüchtejus passen vorzüglich dazu. Auch das gut dosierte Kren (Meerrettich), welches sich wie ein dünner Vorhang über das Gericht legt, überzeugt und gibt dem Ganzen eine spannende Facette.

Zum Glück wird auch dieser Hauptgang in zwei Episoden serviert. Denn auch das Filet im Speck kann uns begeistern. Starke Aromen, hochwertige Produkte. Der Waldpilz und die Bohnen werden nicht einfach zur Beilage degradiert, sondern werten das Gericht auf. Nur auf den zahnlosen Bohnen-Frischkäse-Raviolo hätten wir getrost verzichten können. Dieser ist wiederum ausdruckslos und wir fragen uns, weshalb man so etwas aus der Küche lässt.

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Frischkäse von der Remschnigg, Melanzani & Apfel [5/10]

Die Mischung aus Dessert und Käse überzeugt. Dieser Teller demonstriert jedoch auch exemplarisch, dass in der Küche nicht mit vollster Sorgfalt gearbeitet wird. So ist das Eis, als es unseren Tisch erreicht, schon recht stark geschmolzen und der Boden, der sonst feinen Apfeltarte, ist weich und pampig.

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Holundersorbet mit Sekt [5/10]

Simpel, aber gut. Die Aromen sind klar, die Erfischung spürbar. Hier kann sich der hausgemachte Sekt auch noch einmal gut in Szene setzen.

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Sernauer Topfen & Zwetschken [5/10]

Selbstverständlich wird das Menü mit einer Schaum-Dekoration abgeschlossen. In die Tellermitte platziert man am Tisch ein Soufflé. In einem zusätzlichen Schälchen gibt es Traubeneis. Das Soufflé ist handwerklich top, geschmacklich gut. Auch die restliche Komposition gefällt uns.

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Friandises [-/10]

Zum Espresso geniessen wir Marshmallows, feines Mandelgebäck und Kürbiskern-Nougat.

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Fazit: Gleich vorweg, der ‚Kreuzwirt‘ ist bis dato einer unserer enttäuschendster Restaurantbesuche. Und das, obwohl wir mit gedrosselten Erwartungen zu Tisch gegangen waren, nachdem uns vor einem Jahr bereits ein anderes österreichisches, ebenfalls vom Gault-Millau mit 18 Punkten ausgezeichnetes, Restaurant etwas ratlos zurückgelassen hatte.

Bis auf den Schaum auf jedem Gericht, war die Küchenleistung rein optisch, sehr ambitioniert. Geschmacklich bewegte sich das Menü jedoch zwischen langweilig und belanglos. Wir waren schon zu Beginn, beim „Calzone“-Häppchen etwas skeptisch – so etwas fades darf keine ambitionierte Küche verlassen. Aber auch das restliche Menü war mehrheitlich schwach und enttäuschend. Licht in das sonst triste Menü brachte lediglich der Hauptgang. Dieser war zwar ebenfalls nicht auf top Niveau, aber Dank den klaren und starken Aromen das Beste Gericht des Abends.

Die Produktqualität ist ein weiteres Manko der ‚Kreuzwirt‘-Küche. Denn auf einen geschmacksneutralen Trüffel können wir genau so gut verzichten, wie auf eine fade und wässrige Gänseleber. Der Service im ‚Kreuzwirt‘ ist zwar etwas unpersönlich, sorgt aber ansonsten für einen schönen Abend, in stilvollem Ambiente. Wer neben der Atmosphäre auch kulinarisch etwas Besonderes sucht, ist hier an der falschen Adresse.

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Menü: Zur Auswahl stehen die Menüs „Kreuzwirt“ in 6 Gängen zu 101.60 € und „Steirischer Herbst“ in 5 Gängen zu 92.60 €. Zudem wird ein Überraschungsmenü in 6 Gängen zu 101.60 € angeboten (alle Preise inklusive den 3.60 € fürs Gedeck). Dazu gibt es Häppchen, ein Amuse und Friandises. Das Essen dauerte angenehme 4 1/2 Stunden.

Online: Auf der Website findet man ein paar wenige Informationen. Die Menüs sind zwar online, jedoch oft nicht aktuell.

Bewertung: Gourmör / Gault-Millau

(Besucht im Oktober 2012)

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Mamma Leone, Luzern

Das ‚Ristorante Mamma Leone‘ besuchten wir bereits vor drei Jahren. Damals stieg man die Treppe in den ersten Stock hoch und fand dort ein schmuckes Restaurant mit verhältnismässig wenigen Tischen vor. Die aufgestellten Mitarbeiter servierten überdurchschnittlich gute italienische Gerichte und spitzenmässige Pizzen.

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In der Zwischenzeit hat man das Restaurant ausgebaut und im Grundgeschoss eine zusätzliche Restaurationsfläche eingerichtet. Da wir das ‚Mamma Leone‘ an einem der letzten warmen Sommerabenden besuchten waren auch die vielen Tische draussen vor dem Restaurant aufgedeckt. Ob die geschätzte vervierfachung der Sitzplätze auswirkungen auf die Qualität hat?

Am Grundkonzept hat sich sonst nichts geändert. Man reicht den Gästen eine Speisekarte (die einzelnen Seiten stecken leider immer noch in schmuddeligen Plastikmäppchen) und ergänzt diese durch Spezialitäten welche man auf Schiefertafeln an der Wand präsentiert. Im Gegensatz zu früher steht nun bei jedem Gericht auch den zu zahlenden Preis. Das Angebot, sowohl auf der Karte als auch auf der Tafel, war sehr spannend obwohl uns die Spargeln aus Peru in dieser Jahreszeit schon sehr irritierten.

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Während man uns beim letzten Besuch zum Apéro eine kleine Pizza aufschnitt und in die Tischmitte stellte gab es Heuer gar nichts zum knabbern. Also starten wir direkt mit der Vorspeise.

Crêpe mit Artischockenfüllung, Crevetten und Tomaten [-/10]

Die Crevetten waren sehr knackig und frisch, der Rest konnte weniger überzeugen – zu fad und zu uninspiriert. Die Crêpe Füllung aus Artischocken war nicht sorgfältig genug zubereitet und hatte extrem viel Heu auf denen man herum kauen musste.

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Gnocchi mit Eierschwämme, Seeteufel und Majoran [-/10]

Da die Gnocchi die einzigen hausgemachten Pasta im Angebot waren, haben wir uns für diese entschieden. Das Gericht konnte leider ebenfalls nicht begeistern. Es war wiederum sehr fad und weit weg von einem Teller den man mit Begeisterung verschlingt. Zudem waren die Gnocchi viel zu trocken. Akzente konnte lediglich der gut zubereitete Seeteufel sowie das Pilzaroma setzen.

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Tiramisu [-/10]

Das Tiramisu ging in Ordnung vermochte aber die Gesamtleistung der heute gebotenen Kulinarik nicht wesentlich verbessern. Zumal ich diesen Dessertklassiker schon unzählige Male besser serviert bekommen habe.

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Fazit: Das ‚Mamma Leona‘ hat seine Seele (Qualität) für mehr Platz und Profit verkauft. Mit dem kleinen Restaurant das ich vor ein paar Jahren hier angetroffen habe hat dieses hier nicht mehr viel gemein. Der Service war zwar immer noch sehr aufgeschlossen hat aber ebenfalls an Qualität verloren. Es ging ja noch in Ordnung, dass der Service zwei Mal an unseren Tisch zurückkehrte weil er vergessen hatte welches Wasser wir soeben bestellt hatten. Aber die Vorspeise meiner Begleitung geschlagene fünf Minuten nach meiner zu servieren und beim Hauptgang zwei Mal (!) das falsche Gerichte zu servieren ist mehr als nervig.

Auch kulinarisch schmeckte man den Rückschritt. Das Servierte war knapp über dem Durchschnitt den man sonst bei einem Italiener antrifft. Zugutehalten muss man dem ‚Ristorante Mamma Leone‘ das die Preise sehr fair kalkuliert sind. Eine Pizza Margarita bekommt man für 15 Franken, Pizzen mit Fleisch kosten bis maximal 22 Franken. Einen Teller Pasta wird für ca. 22 Franken (auch kleinere Portionen erhältlich) angeboten.

In dieser Form ist das ‚Mama Leone‘ zum italienischen Einheitsbrei mutiert – so wie man ihn in einer Stadt wie Luzern unzählige Male antrifft.

Menü: Die umfangreiche (aber dennoch nicht zu grosse) à la carte Auswahl beinhaltet Salate, Vorspeisen, Pasta im Hauptgang sowie diverse Pizzen. Die Preise sind fair kalkuliert. Die Pasta Hauptgänge kosten ca. 22 Franken, die Pizzen zwischen 15 – 22 Franken. Diese Auswahl wird noch durch Spezialangebote auf der Schiefertafel ergänzt. Darauf standen drei Vorspeisen (je 22 Franken), zwei Pasta Hauptgänge (je 24 Franken) sowie ein Fleisch- und Fischhauptgang (je 44 Franken). Auch die sechs ausschliesslich (!) hausgemachten italienischen Desserts fand man darauf.

Online: Das ‚Mamma Leone‘ verfügt über keine Homepage.

Wertung: Gourmör / Gault-Millau

(Besucht im September 2011)

Château Gütsch, Luzern

Seit unserem begeisterten Besuch vor zweieinhalb Jahren hat sich einiges getan. Das junge Kochtalent Fabian Inderbitzin ist nach Hergiswil ins Belvédère weitergezogen und das ‚Château Gütsch‘ ist trotz Baubewilligung in einen Dornröschenschlaf gefallen. Während ganz Luzern sich immer noch fragt wann und ob jemals wieder Gäste im weissen Schloss übernachten, hat der sympathische Hoteldirektor des Hotel Montana, Fritz Erni, die Ärmel nach hinten gekrempelt und das Märchenschloss aus seinem Tiefschlaf geküsst.

Erni handelte mit den Gütsch Verwaltern einen Vertrag aus welcher es ihm erlaubt, das vor vier Jahren renovierte Restaurant bis Ende Mai 2012 zu betreiben. Nach dem medial gefeierten Vertragsabschluss hatte Erni gerade einmal vier Wochen Zeit um ein Team auf die Beine zu stellen um auf 440 Meter ob Luzern die Gäste zu bewirten. Etwas überraschend, es sollen keine Gourmet-Gerichte serviert werden sondern eine einfache, bodenständige Kost. Dieser Entscheid lag auf der Hand, denn innerhalb von vier Wochen ein neues Team zusammen zu stellen welches auf hohem Niveau kocht ist nahezu unmöglich. Zudem wird man kein Punkte Koch mit einer Kündigungsfrist von einem Monat finden der auch noch bereit ist einen auf 9 Monate befristeten Vertrag zu unterschreiben.

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Um das Küchen- und Service-Team auf die Beine zu stellen akquirierte Erni ehemalige Montana Mitarbeiter. So auch den 29 jährige  Bündner Flavio Neuhäuseler für den Posten als Küchenchef . Für den HCD-Fan ist dies das erste Mal an der Spitze eines Gastronomiebetriebs. Auch der Gastgeber Rico Haus und seine Frau arbeiteten früher im wunderschönen Hotel Montana bevor sie in Asien Restaurants führten und sich jetzt für das Abenteuer Gütsch verantwortlich zeichnen.

Das Marketing-Team um Simone Staubli macht bereits fürs Montana einen sehr kreativen Job. Um die Neueröffnung des ‚Château Gütsch‘ in die Medien zu bringen suchte man 50 Vorkoster die, wie auf einem Schloss üblich, diverse Gerichte vor den eigentlichen Gästen probieren. Die Presse nahm diese witzige Idee auf und man konnte in einem grossen Artikel lesen, wie man sich als Vorkoster bewerben kann. Nach eigenen Angaben hatten sich über 1’700 Personen für eine solche Stelle beworben. Wir waren unter den Glücklichen und folgten der Einladung.

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Während man der mitreissenden Ansprache des Fritz Ernis lauschte, die wunderschöne Aussicht auf die Leuchtenstadt genoss, die sehr hohen Räume bestaunte und unter den geladenen Gästen auch einen prominenten Koch (Chrüster-Oski, ehemaliger 17 Punkte Koch) erspähte, servierte man uns zu einem wunderschönen Glas Petit Arvin aus dem Wallis verschiedene

Apéro-Häppchen [-/10]

Die beiden Häppchen – einmal mit Hüttenkäse und einmal mit Tomatenpesto – lagen auf einer knusprigen, dünnen Brotscheibe und demonstrierten, dass auch einfache Kombinationen sehr fein sein können. Die Knusperstange mit dem umwickelten Schinken war dagegen belanglos. Das Triangel-Toast mit Lachs war enttäuschend – der Fisch zu kalt und das Brot ungetoastet.

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Danach wurden wir in den schönen Speisesaal, ins eigentliche Restaurant geführt. Der Tisch in der zweiten Reihe bot keinen Ausblick über die Stadt. Deshalb ist es empfehlenswert beim reservieren explizit zu erwähnen, dass man einen Tisch direkt am Fenster mit Aussicht haben möchte.

Wir durften uns aus jeweils zwei Varianten ein vier gängiges Menü zusammen stellen.

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Brot mit zweierlei Aufstrich [-/10]

Das Brötchen fühlte sich an als hätte man es frisch gebacken, über Nacht in einen Plastiksack gesteckt und es am Morgen wieder raus genommen. Es war nämlich nicht knusprig sondern weich. Das Oliven-Öl war fein, der gesalzene Butter-Schaum hatte leider viel zu viel vom weissen Gold abbekommen. Der tolle Paprika-Schaum konnte zum Glück fast alles wieder wett machen. Dieser war super gut abgeschmeckt!

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Kräuter Mille Feuille von geräuchertem Lachs, mit Meerrettichmousse im Glasan Honig-Senfsauce, serviert mit Toast [-/10]

Die erste Aufmerksamkeit galt dem nur halbherzig gegrillten Toast welcher dadurch schon wieder völlig missriet. Das Meerrettichmousse war toll umgesetzt und passte sehr gut zum geräucherten Lachs. Die Qualität des Fisches war passabel. Das Mille Feuille war eine tolle Idee konnte aber sein Kräutergeschmack nicht entfalten. Für eine 22 Franken Vorspeise doch eher enttäuschend.

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Tagliatelle mit Artischocken, Junglauch und Wintertrüffel [5/10]

Der beste Gang des Abends. Ein gut gefüllter Vorspeiseteller mit wunderbaren al dente gekochten Tagliatelle welche mit Lauch und aromatischen Artischocken verfeinert wurden. Der Wintertrüffel hätte man sich sparen können. Dieser hatte überhaupt keinen Geschmack und deshalb auf dem Teller nichts zu suchen. Preis 21 Franken (29.- als Hauptgang).

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Kalbsgeschnetzeltes „Château Gütsch“ serviert Rösti [-/10]

Ein „Züri-Gschnätzlets“ kann so etwas feines sein. Das was uns hier serviert wurde viel aber gnadenlos durch. Das grösste Manko war das Fleisch welches fast ausschliesslich aus zähen Fleischstreifen bestand und deshalb ungeniessbar war. Dazu kam eine extrem fade und uninspirierte Sauce. Die Rösti hatte im wahrsten Sinne des Wortes zwei Seiten. Zum einen eine feine knusprige und zum anderen eine zu wenig gebratene Unterseite. Vermutlich hat man die Rösti vor dem servieren geteilt. Wäre ich hier nicht eingeladen gewesen, hätte ich den Teller zurück gegeben – für stolze 44 Franken muss ein solches Gericht tadellos serviert werden.

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Tarte Tatin mit Zimtglace und Vanillesauce [-/10]

Das Zimtglace war zwar extrem kalt aber trotzdem sehr fein im Geschmack. Der Schokoladenkuchen-Ring erfüllte zwar seinen dekorativen Zweck, geschmacklich war er aber zu klebrig in der Konsistenz. Das Tarte Tatin ging knapp in Ordnung auch wenn der Boden zu viel Flüssigkeit aufzog und dadurch pampig war.

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Fazit: Wenn man mit dem Auto zum Gütsch fährt sieht man die weniger beeindruckende Rückseite des Schlosses. Spätestens wenn man aber die ersten Schritte durch das alte Gebäude macht springt der Funke auf den Gast über. Ich freute mich deshalb sehr als ich hörte, dass man dem ‚Château Gütsch‘ neues Leben einhauchen wird. Die Information, dass man mehrheitlich einfache Gerichte servieren wird, liess mich dann doch etwas skeptisch werden. Ob ganz simple Gerichte in ein solch edles Restaurant passen?

Nach dem Besuch kann ich sagen: Nein! Es wirkt auf mich sehr befremdend wenn der gehobene Service – mit der linken Hand hinter dem Rücken und elegant gekleidet – eine Bratwurst mit Zwiebeln auf den Tisch stellt. Das ist das Selbe wie wenn man an der Dönerbude um die Ecke eine Entenleber-Variation serviert – beides kann super toll schmecken aber es passt nicht zum jeweiligen Setting.

Grundsätzlich ist es sehr schwer gegen ein solches Restaurantambiente und seine tolle Aussicht, mit dem Essen zu glänzen. Dem letzten Koch, Fabian Inderbitzin, ist dieses Kunstwerk geglückt. Damals hat man bereits während dem essen des ersten Gangs die beeindruckende Aussicht vergessen. Dass es der neue Koch beim jetzigen Konzept viel schwieriger hat liegt auf der Hand. Er hat nur eine Chance und zwar, diese einfacheren Gerichte überzeugend zu kochen – denn auch ein liebevoll zubereitetes Kalbsgeschnetzeltes mit Rösti kann glücklich machen.

Bei unserem Besuch wurde diese Leistung leider nicht geboten. Im Gegenteil, die Küche wies zu viele kapitale Fehler auf. Natürlich ist es mir bewusst, dass man mit einem frisch zusammengewürfelten Küchenteam nicht schon am ersten Abend Höchstleistungen erzielen kann. Aber zähes Fleisch in einem 44 Franken Gericht darf nicht sein. Zudem kann ich mir nicht vorstellen, dass die Sauce innert kürzester Zeit vom Niveau „fad und langweilig“ zu „intensiv und spannend“ verbessert werden kann.

Übrigens, das Kalbsgeschnetzelte war nicht das Einzige was den Gästen nicht mundete. Ich habe noch nie erlebt dass in einem Restaurant so viele unausgegessene Teller in die Küche zurückwanderten. So gaben viele die Salzkartoffeln zurück und auch über das zähe Tafelspitz beklagten sich Testesser am Nachbarstisch.

Der Service war bemüht und freundlich, hatte am Probeabend aber noch grosse Schwachstellen. So warteten wir zwischen den einzelnen Gängen bis zu 46 Minuten (!) und der Espresso wurde uns erst 35 Minuten nach dem Dessert offeriert – als wir bereits aufgestanden waren. Ich bin aber zuversichtlich, dass man dieses Problem noch in den Griff kriegt da die einzelnen Mitarbeitern bereits jetzt auf einem guten Niveau arbeiten.

Ich bin überzeugt, dass das ‚Château Gütsch‘ bis Ende Mai mit diesem Konzept erfolgreich sein wird – denn viele Luzerner freuen sich auf ein Erlebnis im Gütsch – langfristig wird man hier aber nur erfolgreich wirten wenn man neben Aussicht und Ambiente auch Höchstleistungen auf den Teller zaubert.

Uns hat dieser Abend 103 imaginäre Franken gekostet. Für den selben Preis bekommt man im Hotel Montana eine vergleichbar tolle Aussicht, ein schönes Restaurant und ein richtig tolles Menü in 5 Gängen. Wer jedoch unbedingt wieder einmal Gütsch-Luft schnuppern möchte sollte am besten noch ein paar Wochen mit der Reservation zuwarten. Bis dahin werden die einzelnen Zahnräder hoffentlich besser greifen und dann dem Gast auch kulinarisch ein Lächeln aufs Gesicht zaubern.

Menü: Das Speiseangebot beschränkt sich auf eine gut sortierte à la carte Auswahl. Man hat die Wahl aus sieben Vorspeisen (12 – 28 Franken) elf Hauptgängen (25 – 57 Franken) und eine handvoll Desserts (15 – 18 Franken). Ein Menü wird nicht angeboten. Unser Restaurantbesuch dauerte 2:30 Stunden wovon einen Grossteil der Zeit fürs lange Warten verstrich.

Online: Auf der Homepage findet man die wichtigsten Informationen, also Speise- und Weinkarte. Fotos von den einzelnen Speisen sind nicht aufgeschaltet.


Wertung:
Gourmör