Guide Bleu 2014 / 15

Gestern Mittag wurde im imposanten The Dolder Grand der neue Guide Bleu vorgestellt. Jener Gourmet Guide der neben dem Gault-Millau und dem Guide Michelin nach Lesern und Relevanz buhlt. Der Guide Bleu erscheint, anders als seine roten Konkurrenten, nur alle zwei Jahre. Offensichtlich haben die Verantwortlichen dadurch genügend Zeit um das Konzept laufend zu ändern. Denn während der blau eingefasste Guide bereits vor zwei Jahren in einem komplett neuen Kleid erschien, gibt es auch heuer grosse Veränderungen. So wurde unter anderem das Punktesystem verändert – neu gibt es nur noch 5 – 10 Punkte. Weiter gibt es nicht mehr pro Landesteil einen „Le Grand Chef du Guide Bleu“, sondern nur noch einen für die ganze Schweiz. In diesem Jahr heisst er Heiko Nieder vom The Restaurant. Also jener Spitzenkoch dem vor zwei Wochen der dritte Michelin Stern verwehrt blieb und nun also das königsblaue Trostpflaster erhält. Mit der Auszeichnung gibt es auch die 10 Punkte.

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Im ganzen Guide Bleu gibt es nur zwei Köche mit der vollen Punktzahl. Neben Nieder ist dies Peter Wyss – Chefkoch im Le Grand Restaurant in Gstaad. Das Restaurant im 5-Sterne Hotel Gstaad Palace hält im Gault-Millau 16 Punkte. Im Guide Michelin ist es nicht einmal erwähnt. Ob ein Restaurant das sieben Tage die Wochen offen hat und Platz für bis zu 125 Gäste bietet, wirklich das beste Restaurant der Schweiz sein kann, können wir aus der Ferne nicht beurteilen. Auch nicht weshalb Wyss der einzige Koch ist, der die 10 Punkte aus dem letzten Guide behalten durfte. Damals waren noch zwei weitere  Kollegen aus dem Tessin (Dario Ranza) und Welschland (Carlo Crisci) ausgezeichnet – heuer haben sie nur noch 9 Punkte. Ob dieser sonderbare Extrastatus etwas mit der Seite 25 zu tun hat? Dort dankt man seinen Inserenten. Darunter befindet sich merkwürdigerweise auch das Gstaad Palace. Unter den Inserenten befindet sich auch das Glasi-Restaurant Adler in Hergiswil, welches ebenfalls im Guide aufgeführt ist. Da wirkt die Überschrift „Dank ihnen (den Inserenten) kann der Guide Bleu unabhängig erscheinen“ fast schon sarkastisch.

Guide_Bleu_2014_1Die Präsentation des neuen Guide Bleu im The Dolder Grand in Zürich

Doch was hat sich inhaltlich gegenüber dem Vorgänger verändert? Wurden unsere Wünsche vom letzten Mal erhört? Zuerst fällt die Optik auf. Der 680 Seiten dicke Guide ist Dank den schönen Bildern noch ansprechender geworden. Überdies kann der Guide Bleu nicht überzeugen. Dass eine richtige Übersichtskarte mit allen getesteten Restaurants noch immer fehlt ist ärgerlich, richtig schlimm sind aber die banalen Texte. Alle Beschreibungen sind extrem unverbindlich und derart oberflächlich, dass man für das Verfassen der Artikel nicht einmal eines der Restaurants besucht haben muss.

Hier ein Beispiel über das La Passion in Eglisau, welches vom Guide Bleu mit 7 Punkten ausgezeichnet wird:

Es muss nicht immer das La Passion sein; auch im Bistro des Romantik Hotels Hirschen in Eglisau kann man sich hervorragend verpflegen. Während das La Passion nur abends geöffnet ist, bietet das Bistro auch mittags eine Auswahl an Speisen an. Klar nicht auf dem Niveau wie im Gourmetlokal, wo in der Regel mehrgängige Menüs zelebriert werden, die Tische weiss gedeckt sind und die Preise etwas üppiger ausfallen. Uns gefällt es im Bistro an den blankgescheuerten Holztischen bei einem Flammkuchen und einem Glas Wein mindestens genauso gut wie bei Christian Kuchler und seiner Haute Cuisine – alles zu seiner Zeit.

Kann sich der interessierte Gourmet unter dieser Beschreibung wirklich ein Bild vom Restaurant machen? Erfährt er was in kulinarisch erwartet, auf welches Ambiente er sich freuen darf und wie der Service agiert? Oder weshalb das Restaurant mit 7 Punkten ausgezeichnet wird? Der Leser erfährt nicht einmal, dass man im La Passion nicht „in der Regel mehrgängige Menüs zelebriert“, sondern ausschliesslich ein Menü bestellen kann – ein à la carte Angebot steht nicht zur Wahl.

Guide_Bleu_2014_2Heiko Nieder verwöhnt die anwesenden Gäste mit einem Menü der Spitzenklasse

Ein weiteres grosses Manko sind die ausgewählten Restaurants. Die Selektion wirkt extrem willkürlich. Zudem hat es auffallend viele Hotelrestaurants. Ob das etwas mit dem Chefredakteur Karl Wild zu tun hat, der einen eigenen Hotelguide hat und so oft an solchen Orten unterwegs ist? Dadurch könnte man auch erklären, weshalb so viele Entdeckungen ausserhalb von Hotels fehlen. So werden ganze 10 der 18 neuen Sternerestaurants nicht einmal erwähnt.

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Wir sind überzeugt, dass es in der Schweiz neben den beiden roten Gourmet-Bibeln noch Platz für einen weiteren Guide hat und es ist ehrenswert, dass ein Verlag wie der Weber Verlag Geld in ein solches Thema investiert. Umso enttäuschter sind wir über das Ergebnis. Wir würden gerne eine Kaufempfehlung aussprechen, doch leider sehen wir auch in der neusten Ausgabe keinen Nutzen. So wird der Guide Bleu – mag er noch so schön sein – irgendwo im Keller landen, während der Gault-Millau und der Guide Michelin weiterhin im Handschuhfach auf den nächsten Einsatz warten.

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