Ecco in Ascona

Unsere letzte Reise ins Tessin liegt ganze fünf Jahre zurück. Damals krönten wir den Aufenthalt im sonnenreichsten Schweizer Kanton, mit einem Besuch bei Rolf Fliegauf. Der gebürtige Augsburger hatte dazumal frisch das Zweitrestaurant, das 5 Sterne Hotels Giardino, übernommen. Mit seinen avantgardistischen Kreationen kontrastierte er das sonst mediterrane Angebot des grossartigen Hotels. Die Aufgabe erfüllte der heute 32 jährige mit Bravour und wurde bereits zwei Jahre nach der Zepterübernahme mit einem Michelin Stern belohnt.

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In der Zwischenzeit hat sich einiges getan. Zum Beispiel der Kochstil. Griff Fliegauf anfänglich noch auf ein paar molekulare Tricks zurück, setzt er heute voll auf die Karte der Aromaküche. Zudem hat das Giardino vor zwei Jahren expandiert und in Champfér bei St. Moritz das Giardino Mountain eröffnet. Für Fliegauf eine grosse Erleichterung, da er nun sein Können auch in den Wintermonaten, während das Giardino in Ascona Betriebsferien hat, unter Beweis stellen kann und somit seiner Brigade eine Ganzjahresstelle bieten kann. Zu guter Letzt hat sich auch das Punkte- und Sternekonto erhöht. Gault-Millau verlieh den 16. Punkt und Michelin übergab den 2. Stern was Fliegauf zum damals jüngsten 2 Sterne-Koch in Europa machte.

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Das Wetter war heute den ganzen Tag schwülheiss und das Thermometer kratzte bedrohlich an der 30 Grad Grenze. So verbrachten wir dann auch den ganzen Tag am Hotelpool und ernährten uns von Früchten. Unser Zifferblatt zeigt jetzt 19 Uhr und langsam aber sicher verlangen unsere Mägen nach mehr. So machen wir uns bereit für das zweite Ecco Abenteuer und sind sehr gespannt wie sich die Veränderungen auf dem Teller bemerkbar machen.

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Als erstes fällt uns die neue, sehr angenehme Atmosphäre im Restaurant auf. Dies liegt nicht etwa an der Inneneinrichtung – die war schon beim letzten Besuch in eleganten Grautönen gehalten – sondern am neuen Serviceteam unter der Leitung von Jenifer Strube. Dieses begleitet uns nicht nur sehr aufmerksam und zuvorkommend durch den Abend, sondern auch äusserst motiviert und umgänglich.

Das Ecco ist in zwei Bereiche aufgeteilt. Im eigentlichen Restaurant stehen drei grosse Tische. Dieser Raum wird meistens für den Mittagservice genutzt und ist angenehm klimatisiert. Anders draussen unter der Pergola, wo heute Abend alle 28 Gäste sitzen. Hier konnte sich die Hitze den ganzen Tag unter dem Gewölbe festsetzen. Die grossen Fensterfronten stehen zwar offen, aber bis auf die paar wenigen, kleinen Lüftchen die durchs Restaurant ziehen, bleibt es hier sehr warm. Zur Abkühlung ordern wir Wasser und ein Glas Champagner.

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Auf der Speisekarte finden wir zwei Menüs mit 5 und 8 Gängen. Jedem Gast steht es frei aus den total 13 Speisen zu kombinieren. Wie momenten en vogue, sind bei den Gerichten nur die einzelnen Komponente aufgeführt – die Zubereitungsart bleibt eine Überraschung.

Noch bevor wir die Bestellung aufgeben, erreicht uns ein erster kleiner Snack:

Ofenkartoffel [-/10]

Die Tessiner-Bergkartoffel, gefüllt mit Sauerrahm und Kaviar, ist fein. Die schwarzen Perlen haben es aber schwer sich gegen die restlichen Aromen zu behaupten. So bleibt der Auftakt dann auch eindimensionaler als erhofft.

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Brot

Neben dem frisch gebackenen Brot, wird ein Dressing in Form von Salzflocken, Butter-Rahm und Kresse zum selberschneiden, aufgetragen. Damit kann sich jeder am Tisch sein Brot individuell bestreichen. Dies ist nicht nur originell sondern schmeckt auch richtig gut.

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Häppchen Trilogie: Wachtel – Erbse / Bärlauch – Pilze / Schwertmuschel – Miesmuschel [7/10]

Die nächste Amada gelangt an unseren Tisch. Wegen den vielen unbenutzten Gläsern, Messern und Gabeln wird es kurzzeitig etwas unübersichtlich auf dem Tisch. Dabei verdienten die fantasievoll angerichteten Kreationen unsere vollste Aufmerksamkeit.

Während die ersten beiden Kompositionen zwar fein, aber etwas gar zurückhaltend schmecken, trumpft das Muschel-Arrangement auf. Wir staunen nicht nur wegen der sinnvollen Zubereitung (Muschel kann samt Schale gegessen werden) sondern auch ob dem wunderbar tiefen, meerigen Aroma, welches dies uns in den Gaumen zaubert. Gerne mehr davon!

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Amuse: Simmentaler Rind – Perigordtrüffel – Kohlrabi [7/10]

Intensiv geht es weiter. Denn auch das Simmentaler Rind ist eindrucksvoll und wird als Carpaccio und als darin eingerolltes Tatar serviert. Eine fabelhafte Kombination. Kontrastriert wird das Ganze von harmonischen Gänseleberperlen. Diese schmelzen augenblicklich im Mund und setzen ein zauberhaftes Aroma frei. Die feine Perigordtrüffel-Sauce ist ebenfalls köstlich.

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Marinierte Entenleber – Räucheraal – Ananas [6/10]

Wir sind froh, haben wir für den ersten Gang die Entenleber gewählt und kommen damit nochmals in den Genuss dieses köstlichen Produktes. Die Küchenbrigade weiss offensichtlich wie damit umzugehen. Sowohl Terrine als auch das Eis sind von sehr hoher Qualität und präzise zubereitet. Nur schade, dass das Zusammenspiel mit der Ananas nicht recht funktionieren will und damit keine Symbiose entsteht.

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Gambero rosso – Pumpernickel – Kresse [-/10]

Dieses hochwertige Spanische Krustentier wurde uns vor ein paar Monaten zum ersten Mal im Lampart’s serviert. Dieses Exemplar hier, kommt zwar nicht ganz an die Qualität dieses Referenzproduktes heran, ist aber ebenfalls von guter Qualität. Mit den restlichen Komponenten werden wir weniger glücklich. Zwar gefallen uns die Krustentier-Consommé-Perlen, den Einsatz von Pumpernickel halten wir indess für unpassend.

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Iberico Schweinebauch – Bretonische Auster – Radieschen [7/10]

Gleich zu Beginn gibt es gedanklichen Applaus gibt die tolle Sauce mit dem leicht sauren Akzent. Aber auch der Rest überzeugt: der aromatische Schweinebauch mit der krossen Haut und das knackige und geschmacksvolle Gemüse. Einzig die Auster ist zu viel des Guten und stört das sonst stimmige Erlebnis.

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Bretonischer St. Peters Fisch – Jakobsmuscheln – Salzzitrone [6/10]

Der edle Fisch aus der Bretagne hat es hier nicht gerade einfach. Von verschiedenen Seiten her wird er flankiert und droht beinahe unterzugehen. So bleibt uns bei diesem Teller auch weniger der Hauptakteur in Erinnerung, als mehr die Nebendarsteller. Ganz stark die süffige Reiscrème und die hochwertigen Jakobsmuscheln, welche eindrucksvoll mit dem Zitrusaroma harmonieren.

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Erfrischung: Weisse Schokolade – Passionsfrucht

Zur Erfrischung vor dem Hauptgang reicht man uns eine weisse Schokoladenkugel gefüllt mit süss-saurem Passionsfruchtsaft.

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Muotathaler Kalb – Wildkräuter – Junge Zwiebel [7/10]

Der Hauptgang begeistert nicht nur wegen seinem tollen, zarten Fleisch, sondern auch wegen der wunderbar intensiven Zwiebelsauce. Diese wird von einem leichten Kräuterbouquet begleitet – elegant und trotzdem währschaft. Ein rundum überzeugendes Gericht.

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Gruyère rèserve aoc – Olivenöl – Culatello Salami [8/10]

Hervorragend der Käsegang: fruchtig, nussig, knusprig, fleischig – jeder Bissen eine Wohltat bei der nichts, vom im Mittelpunkt stehenden, gut gereiften Käse ablenkt. Mit so einer spannenden Komposition tröstet man locker über den fehlenden Käsewagen hinweg.

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„Cheesecake“ – Vanille – Holunder [6/10]

Während das Original mächtig und schwer ist, schafft man mit diesem Cheesecake ein überraschend leichtes Dessert und vereint die drei namensgebenden Themen sehr gut zu einer sehr wohlschmeckenden Einheit.

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Zitrusfrüchte – Karamel – Verveine [7/10]

Die Präsenation ist wunderschön, der Genuss hoch. Es macht Spass sich durch die abwechslunsreichen Texturen zu essen und dabei verschiedene Zitrusaromen zu entdecken. Das Caramel sorgt für den roten Faden. Kompliment an die Pâtissière die nicht nur ein sehr stimmiges Dessert schaffte, sondern auch ein angenehm leichtes.

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Friandises [6/10]

Johannisbeeren – Sauerrahm / Himbeere – Guanaja Schokolade – Lakritz / Nougat – Calamansi – Fleur de Sel / Müsli – Waldbeeren – Milch / Kokos – Mandel – Weisse Schokolade / „Milchschnitte“ / „Tiramisu“ / „ECCO Mikado“

Handwerklich top, mag geschmacklich nicht alles zu überzeugen. Gerade die „Milchschnitte“ aber auch das „Mikado“ sind mehr Spielereien als kulinarische Bereicherungen. Da gefallen uns die wunderbaren Pralinen, das feine Caramel und das stimmige Waldbeeren-Müsli viel besser.

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Für zu Hause: Curry-Mandeln

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Die Küchenbrigade: Simon Schneider, Doreen Marko (Patti), Rolf Fliegauf (Chef), Stefan Sell, Matthias Koppenwallner, Stefan Heilemann (Sous-Chef)

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Fazit: Rolf Fliegaufs Handschrift hat sich seit unserem letzten Besuch stark verändert. Die Teller sind extrem präzis, die Anrichtung sehr filigran. Trotzdem haben die Gerichte nichts an Kreativität verloren. Im Gegenteil: Fliegaufs grosser Ehrgeiz ist bei jedem Gang spürbar. Bisweilen steht ihm dieser gar etwas im Weg, so wirken einzelne Gerichte überladen – gerade wenn sieben Komponente gleichzeitig um ihren Platz auf dem Teller kämpfen und damit vom Hauptakteur ablenken.

Trotzdem: das ganze Menü ist konstant auf sehr hohem Niveau, von Beginn weg spannend und perfekt getimt. Der Gast kann sich hinsetzen und fast 5 Stunden lang geniessen und staunen was alles aus der kleinen Küche kommt. Viel zum Genuss trägt auch das tolle Serviceteam bei. Sehr aufmerksam und mit grosser Freude begleiten sie die Gäste durch den Abend und sorgen, zusammen mit der Küchencrew, für ein wunderschönes Erlebnis.

Menü: Zur Auswahl stehen zwei Menüs. Eines mit 5 das andere mi 8 Gängen. Mit den toteln 13 Gerichten kann man sich ein eigenes Menü zusammenstellen. 3 Gänge 138.- / 4 Gänge 152.- / 5 zu 164.- / 6 zu 174.- / 7 zu 184.- / 8 zu 194.-. Begleitet wird jedes mit Häppchen, Amuse Bouche und Friandises.

Zeit: 4 Stunden und 45 Minuten dauerte das 8 Gänge Menü.

Wein: Neben der gut sortierten und umfangreichen Hotel-Weinkarte, bietet man den Gästen eine Weinbegleitung an. Diese wird bis 5 Gänge mit 74 Franken verrechnet, ab 6 Gängen mit 89.-. Der Wein wird sehr grosszügig nachgeschenkt.

Château Haut-Mayne 2010 – Frankreich – Bordeaux – Sauternex ac semillon
Savignin Blanc 2011 – Schweiz – Wallis – Nicolas Zufferey heida
Sileno 2011 – Schweiz – Mendrisio – Fratelli Corti – Chardonnay
Rebuh’s 2008 – Schweiz – Monteggio – Daniel Huber – Merlot Cabenet Franc – Cabernet Sauvignon – Carminoir
20 years old Tawny Port – Portugal – Douro – J. & W. Graham’s
Maximin Grunhauser Abtsberg 2010 – Deutschland – Mosel – Maximin Grünhaus Schlosskellerei C. von Schubert – Riesling Spätlese

Tipp: Wie schon beim letzten Besuch, war es auch diesmal wieder sehr warm. Es  empfiehlt sich eher lockere Kleidung zu tragen.

Online: Die Website bietet ein paar Fotos, Informationen und die aktuelle Speisekarte.

Wertung: Gourmör O7 / Michelin M2 / Gault-Millau GM16

Sonderauszeichnung: Hier fühlt man sich besonders wohl

(Besucht im Juni 2013)

Anne-Sophie Pic in Lausanne

Nur gerade einer handvoll Köchinnen ist aktuell die Ehre zuteil, vom Guide Michelin mit 3 Sternen ausgezeichnet zu werden. Anne-Sophie Pic ist eine davon. Damit trat die Französin in die Fussstapfen ihres Vaters und Grossvaters, welche sich zuvor ebenfalls in den Michelin-Olymp gekocht hatten.

anne_sophie_pic_lausanne_beau_rivage_palace_1Um ein Haar wäre es aber gar nie dazu gekommen, denn Anne-Sophie Pic hatte ursprünglich andere Pläne und bevorzugte ein Studium in Betriebswirtschaft. Nach nur wenigen Semestern, anfangs der 90er Jahre, kam die Meinungsänderung: die damals 22 jährige entscheidet sich die Pic-Dynastie fortzuführen und lernte das Kochhandwerk. Nachdem ihr Vater, erst 59 jährig verstarb, übernahm sie den Betrieb in Valence (F) und kochte 2007 den, durch den Tod des Vaters verloren gegangenen, 3. Stern zurück.

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Zwei Jahre später ging ein Raunen durch die kulinarische Landschaft der Schweiz. Das fünfsterne Hotel Beau-Rivage Palace verkündete den Coup, dass Madame Pic im Nobelhotel eine Dependance eröffnen wird. Gäste, Gastroguides und nicht zuletzt Gastronomen im direkten Umfeld, waren gleichermassen gespannt, wie die Dame den Spagat, zwischen den beiden 300 km voneinander entfernten Restaurants, meistern wird und auf welchem Niveau in ihrer Filiale in Lausanne gekocht wird.

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Das Ergebnis ist schnell erzählt: Die beiden grossen Gastroführer waren von Beginn weg voll des Lobes, zückten 2 Sterne, respektive 18 Punkte; die Gastronomen im direkten Umfeld arrangierten sich mit der neuen Konkurrenz mit Weltnamen und die Gäste waren begeistert und konnten gut damit leben, dass die namensgebende Spitzenköchin zwar das Konzept vorgibt, aber nur alle paar Wochen persönlich in Lausanne am Herd steht.

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Um trotz der häufiger Abwesenheit die hohe Qualität und die Wiedererkennung ihrer Handschrift zu gewährleisten, beförderte Pic ihren langjährigen Mitarbeiter Guillaume Raineix an den Chefposten am Genfersee. Ihm ist es dann auch zu einem Grossteil  zu verdanken, dass das Anne-Sophie Pic nachhaltig einen guten Ruf errang und schon seit längerem sehr gut gebucht ist. So ist es heute, vier Jahre nach der Eröffnung, beinahe unmöglich kurzfristig an einem Freitag- oder Samstagabend einen Tisch zu bekommen und das obwohl das Restaurant zu den grösseren Gourmetrestaurants zählt.

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Auch wir müssen heute auf den Lunch ausweichen. Da der Gast beim Mittagessen aber keinerlei Abstriche bei der Auswahl der Menüs machen muss, ist dies kein Problem. Wir freuen uns sehr auf das Essen im Anne-Sophie Pic und sind sehr gespannt auf die Leistung von Raineix und seiner Crew.

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Das Restaurant kann man nur durch das imposante Beau-Rivage Palace betreten. Der eigentliche Eingang zum Anne-Sophie Pic liegt etwas versteckt am Ende eines langen Korridors. Ein schlichtes Schild macht auf das höchstausgezeichnete Restaurant der Stadt aufmerksam. Im Vorraum lächelt uns ein Konterfrei der grossen Chefin entgegen. Eine freundliche Empfangsdame begrüsst uns und begleitet uns in das elegante Restaurant. Die Einrichtung ist luxuriös und äusserst stilvoll. Beige Töne dominieren den Raum. Von vielen Tischen hat man einen Blick auf die Alpen. Im Sommer steht eine einladende Terrasse zur Verfügung. Die gut gekleidete und perfekt agierende Servicebrigade umsorgt uns von Beginn weg.

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Zum Start fährt man den Apérowagen vor. Unsere Wahl fällt auf ein Glas Champagner von Billecart-Salmon. Wir lehnen uns in die bequemen Stühle und studieren die Speisekarte. Unser Entscheidung spielt sich zwischen den beiden Menüs „Pic Collection de Printemps“ (330.- Franken) und „Émotions“ (245.- Franken) ab. Da Beide den gleichen Umfang haben, uns aber das eine Gericht mit Kaviar den Mehrpreis nicht wert ist, entscheiden wir uns für das Günstigere.

anne_sophie_pic_lausanne_beau_rivage_palace_10Aufmerksam blättern wir in der sehr umfangreichen Weinkarte mit 600 Positionen, um dann trotzdem nach einer Weinbegleitung zu fragen. Chefsommelier Thibaut Panas kommt dieser Bitte gerne nach und serviert uns anschliessend eine intelligente und gut selektionierte Weinbegleitung.

Den kulinarischen Auftakt bilden drei Häppchen:

Spargelwürfel mit getrockneten Algen – Geräucherter Tee Macaron mit saurer Sahne und Heringseiern – Gänseleberkugel mit Orange [6/10]

Die Trilogie, bestehend aus einem harmonisch-intensiven Spargelwürfel, einer etwas gar dezent schmeckenden Foie Gras Praline, mit einem Hauch Orange, sowie einem geräuchterten Tee Macaron, mit langanhaltendem Nachgeschmack, ist handwerklich perfekt und auch geschmacklich überzeugend.

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Brot

Zur leicht gesalzenen Butter wird eine Selektion von verschiedenen, frisch gebackenen Brötchen angeboten. Das Giabatta ähnliche Olivenölbrot und das Parisette sind allesamt fein, das Cerealien-Brot ist gar hervorragend und etwas vom Besten was uns je aus einem Brotkorb gereicht wurde. So kann es gerne weitergehen!

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Amuse Bouche: Ferra from Lémon, Yoghurt, Caviar France [10/10]

Ebenfalls ausgezeichnet schmeckt das Amuse Bouche. Wir schliessen die Augen, legen die Komposition in unseren Mund und staunen ab der unglaublich schönen Symbiose die sich in unserem Gaumen entwickelt. Zusammen mit dem Champagner und der Tatsache, hier in Lausanne in diesem wunderschönen Restaurant zu sitzen und von einer tollen Servicebrigade umsorgt zu werden, machen diesen Moment perfekt.

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Carrot and orange blossom [9/10]

Fantasievoll geht es weiter. Mit diesem wunderschönen Karrotten-Arrangement stellt die Küchenbrigade auch ihr Talent zum Anrichtigen unter Beweis. Abwechslungsreiche Texturen, ein sehr harmonisches – wenn auch weniger intensiv als erwartet – Karrottenaroma und dazu ein wunderbares Dressing. Anfangs stark, wird das Gericht mit jedem Löffel noch besser. Am Schluss bleibt ein leerer Teller und im Gaumen ein langanhaltendes Aroma, bei dem etwas verzögert ein angenehmes Pfefferaroma aufblitzt. Ausgezeichnet!

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Wild Scampi [9/10]

Nun liegen vor uns auf dem Teller zwei wunderschöne Kaisergranate. Ihr frischer Duft erfüllt den ganzen Tisch und steigert unsere Vorfreude. Das Gericht wird mit einer Suppe von grünem Sellerie finalisiert. Das Ergebnis überzeugt wiederum. Pic schafft auch hier ein sehr stimmiges, intensives Geschmacksbild mit hochwertigen Produkten im Mittelpunkt. Einzig die Süsse der Rhabarber wirkt etwas befremdlich.

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Coastal Turbot [10/10] Ein besonderes Ess-Highlight

Dieses Gericht ist schlicht ein Traum. Wir sind ob dem perfekt zubereiteten Steinbutt und dessen hervorragenden Qualität sprachlos. Die Genialität erhält das Gericht aber durch das unglaublich tolle Zusammenspiel zwischen der Säure der Tomaten und dem süssen Vanille-Hauch. Die vier Tomaten, auf zwei unterschiedliche Arten zubereitet, setzen dem Gericht die Krone auf. Alles ist wohlschmeckend und am Gaumen so wunderbar komplex. Das ist eines der Gerichte, die man kaum verspeist, gleich nochmals ordern möchte. Wir tun es nicht, legen das Gericht aber an einem sehr exklusiven Ort in unseren Erinnerungen ab.

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Sisteron Lamb [10/10]

Unsere Begeisterung gilt auch dem Hauptgang, welcher schlicht hervorragend schmeckt. Das Fleisch ist toll, die pointiert eingesetzte Minze ergänzt das Lamm traumhaft. Dazu erhalten wir geniale Mini-Raviolis, gefüllt mit rassigem Ziegenkäse. Jeder einzelne explodiert förmlich in unserem Gaumen – wow. Perfektioniert wird das Ganze von einer leicht rauchigen Sauce.

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Käse

Von einem imposanten Käsewagen, mit schätzungsweise 50 verschiedenen Sorten, wählen wir unsere Highlights und bitten um ein paar Überraschungen. Dazu reicht man uns zweierlei Nussbrot, Konfitüre und hochwertige Haselnüsse. Zusammen mit dem gereichten Banyuls ist auch das ein Traum.

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Pré Dessert: Ananas-Vanille Couli mit Sorbet von exotischen Früchten und Vanille Gelée [6/10]

Der Gruss vom Pâtissier ist sowohl leicht als auch fruchtig intensiv. Unsere Vorfreude auf das eigentliche Dessert wächst, wobei wir hoffen, dass man noch einen Zacken zulegen wird.

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Strawberry and Gruyère Cream [10/10]

Und dann zum Abschluss nochmals ein Paukenschlag: Das Dessert schmeckt spannend, facettenreich und sehr fruchtig – jeder Bissen ist ein Hochgenuss. Die Kombination ist eigentlich simpel, aber dank der hervorragenden Umsetzung ein wahrer Desserttraum!

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Friandises [9/10]

Zum Glück lässt uns der Pâtissier nicht laufen, ohne uns seine Friandises zu servieren. Wie schon bei den Häppchen zum Start, beschränkt man sich auch jetzt auf eine kleine Auswahl, sorgt aber dafür, dass es diese in sich hat. Und so überzeugt jedes der Drei – mal sauer limettig, mal schokoladig und dann nussig – gemeinsame Nenner? Alles schmeckt intensiv und uneingeschränkt toll.

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Schokolade

Auch bei den Schokoladen-Dropsen zum Kaffee gibt man sich keine Blösse. Auch hier setzt man auf Qualität statt Quantität und bietet vier überzeugende, intensive und süsse Häppchen.

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Anne-Sophie Pic mit Guillaume Raineix

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Fazit: Noch selten hat uns ein Restaurantbesuch dermassen begeistert! Die Gerichte sind elegant abgeschmackt und auf allerhöchstem Niveau. Die Teller sind sehr schön angerichtet, wobei der Fokus klar auf der hochwertigen Produktqualität liegt. Unnötige Spielereien haben in der Welt von Anne-Sophie Pic keinen Platz. So serviert man auch nur wenige Häppchen und Friandises und überlässt die Effekthascherei anderen.

Dass wir uns hier so wohl gefühlt haben, ist auch der Verdienst der erstklassigen Servicebrigade und dem äusserst gemütlichen Restaurant mit seinem edlen Interieur. Wir haben hier drei der schönsten kulinarischen Stunden erlebt und sind uns sicher, dass die Brigade den 3. Stern bald nach Lausanne hohlen wird.

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Menü: Zwei 6 Gänge Menüs (Käsewagen inklusive) werden angeboten. Das Menü Émotions für 245.- und das Pic Collection de printemps für 330.-. Dazu gibt es ein Amuse, pré dessert, Friandises und Schokolade. Die à la carte Auswahl ist ebenfalls sehr interessant. Vorspeisen kosten zwischen 56.- und 115.- / Hauptspeisen 85.- und 120.- Franken / Desserts je 40.-.

Zeit: Das Tempo war angenehm. Lediglich zwei Gerichte wurden etwas gar schnell aufeinander serviert. Das Menü dauerte am Mittag 3 Stunden.

Wein: Die Weinkarte ist sehr umfangreich. Auf Wunsch bietet man auch eine Weinbegleitung an. Diese war hervorragend auf das Menü abgestimmt und hat grossen Spass gemacht:

Sancerre „Flores“ V.Pinard 2010
Païen d’Enfer H. Valloton-à 2012
Nuits Saint Georges „La“Gerbotte“ Domaine de l’Arlot 2010
Syrah S. Maye 2010
Banyuls „Tradition“ Domaine de Ballaury 1993
Ximenez-Spinola „Exceptional Harvest“

Die Weinbegleitung wurde mit 100 Franken verrechnet.

Online: Die Website ist zwar etwas unübersichtlich dafür sehr umfangreich und stilvoll.

Wertung: Gourmör O10 / Michelin M2 / Gault-Millau GM18

Sonderauszeichnung: Top-Service, hier kann man die Seele so richtig baumeln lassen

(Besucht im Mai 2013)

Denis Martin in Vevey

Denis Martin ist einer der grössten Verfechter der molekularen Küche. Auch heute, nachdem fast alle ehemaligen Molekularköche das Trockeneis im Keller verstaut haben, ist er überzeugt dass dieser Kochtechnik eine grosse Zukunft bevorsteht.

Für eine Sache einzustehen und zu kämpfen ist sich Martin gewohnt. Mit 14 schmiss er die Schule und begann eine Kochlehre. Bei verschiedenen Spitzenköchen lernte er das Handwerk. Bekannt für sein grosses Talent bei der Zubereitung von Fischen, wurden auch die Gastroführer auf ihn aufmerksam und zeichneten ihn mit Punkten und Sternen aus. 1997 ist ein Schicksalsjahr für den damals 41 Jährigen, sein Restaurant La Taverne du Château in Yvorne muss Konkurs anmelden. Unterstützt von seiner Frau rappelt er sich auf und wagt in Vevey den Neuanfang.

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Um die Jahrtausendwende entdeckt er sein zukünftiges Idol: Ferran Adrià, den Avantgardisten aus Spanien. Von diesem inspiriert, halten 2003 die ersten experimentellen Gerichte Einzug auf Martins Karte. Nach und nach befreit er sich von bisherigen Standards wie Käsewagen und Brotservice und setzt dafür auf immer umfangreichere Menüs. Anfänglich von den Restaurantkritikern noch mit Skepsis beäugelt, erkochte er 2006 seinen 18. Gault-Millau Punkt und durchbrach mit seinem Menüpreis erstmals die 300 Franken Mauer. 2008 kam der 2. Michelin Stern dazu, welcher ihm jüngst wieder abgenommen wurde.

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Seine avantgardistischen Kreationen interessieren uns schon seit Jahren. Bis anhin hat uns jedoch der hohe Menüpreis von aktuell 360 Franken (!) und die weite Reise nach Vevey stets abgehalten. In Verbindung mit einem Aufenthalt am wunderschönen Genfersee, haben wir uns endlich durchgerungen, dem Molekularkoch einen Besuch abzustatten.

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Das Restaurant liegt nur wenige Meter vom Seeufer entfernt. Restaurantparkplätze sucht man vergebens. Wir drehen deshalb noch einmal eine Runde durch die Strassen. Wir sind etwas spät dran. Normalerweise stellt das bei Schweizer Restaurants kein Problem dar, da die Tische nur einmal pro Abend vergeben werden. Doch wir haben uns heute bei Denis Martin für eine Demonstration in der Küche angemeldet. Für einen Aufpreis von 90 Franken pro Person, gewährt man den Gästen einen eineinhalbstündigen Einblick in die molekulare Welt.

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Ein paar Minuten verspätet, haben wir es dann doch geschafft. Wir betreten das von aussen eher bieder wirkende Restaurant und treffen innen auf ein dunkles, rot gestrichenes Kellergewölbe. Die 16 Tische sind auf zwei Speiseräume verteilt. Auf jedem Stuhl wartet ein flauschiges Lammfell, auf den Tischen stehen bunte Setzteller und in jeder Tischmitte eine Muh-Dose – wir sollen gleich erfahren weshalb. Eine grosse, elegant gekleidete Servicebrigade serviert den Gästen um uns herum den Apéro.

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Für die Demonstration haben sich über die Hälfte der heutigen Gäste angemeldet. Nach kurzer Zeit werden wir alle ins Labor gebeten. Der kleine Raum grenzt direkt an die Küche, hier stehen jedoch keine Pfannen und Gewürze, sondern moderne Geräte, Reagenzgläser und Schläuche. Monsieur Martin ist sichtlich gut gelaunt und räumt gleich zu Beginn mit etwaigen Vorurteilen auf. Seine Küche basiere auf der französischen Küche und habe nichts mit Chemie oder aditiven molekularen Zutaten zu tun. Er habe sich mit der bestehenden Technik auseinander gesetzt und Vorteile ausgearbeitet. Er vergleicht das mit einem Pferd und einem Ferrari. Beide werden mit PS angetrieben, wobei Letzterer viel schneller am Ziel ist.

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Martin demonstriert verschiedene Geräte, zeigt wie er die Essenz von x-beliebigen Nahrungsmitteln gewinnt, erklärt weshalb unsere Erinnerungen bestimmen was wir gerne essen und beweist, dass er in nur 15 Sekunden ein Gericht lediglich mit Hilfe der Mikrowelle zubereiten kann. Alles wirkt so überzeugend, gekonnt und sympathisch, dass er locker ein eigenes TV-Format füllen könnte. Nach kurzweiligen 90 Minuten (wäre da nur nicht das Hungergefühl), applaudieren die Gäste und lassen sich vom Chef zurück ins Restaurant bitten. Doch vorher offenbahrt er uns, weshalb auf jedem Tisch eine Muh-Dose steht. Er möge keine steifen Restaurants und setzte zur Aufklockerung seit ein paar Jahren auf dieses Gimmick.

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Ein Blick in die Küche welche direkt ans Labor angrenzt

Am Tisch angekommen erhalten wir die Weinkarte. Die Auswahl ist knapp und mehrheitlich auf Flaschen ab einem dreistelligen Betrag limitiert. Eine Speisekarte ist obsolet, denn hier wird ausschliesslich das 26 Gänge umfassende Menü serviert. Auf Allergien und Unverträglichkeiten wird eingegangen. Wir sind bei der Weinauswahl, mit Blick auf das abwechslungsreiche Menü, überfordert und wünschen uns eine passende Weinbegleitung. Eine solche bietet man überraschenderweise nicht an, weshalb wir uns für ein Glas vom einzigen Weisswein im Offenausschank entscheiden.

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Das Serviceteam würden wir, anders als Denis Martin es vorhin noch propagierte, als formal bezeichnen. Die Herren tragen Anzug und Kravatte, die Damen dunkle Deux-pièce. Die logistische Herausforderung, 40 Gästen jeweils 26 Gänge zu servieren, meistert die Crew mit Bravour. Aufmerksam gleiten sie durch die beiden Speisesäle und servieren die Gerichte mit einem angenehmen zeitlichen Abstand. Nebenher werden den austretenden Gästen neue Servietten verteilt und ihnen bei der Rückkehr an den Tisch der Stuhl zurecht geschoben. Durch das grosse Volumen an Speisefolgen, über 1’000 Teller pro Service(!), ist es den ganzen Abend etwas wuselig. Stören tut es nicht, doch als gemütlich würden wir das Denis Martin nicht bezeichnen.

Unsere Uhr zeigt mittlerweile 20.50 Uhr. Das Abenteuer „La Suisse – Les Sens dessus-dessous“ kann beginnen:

La bleue des glaciers [-/10]

Unter einem Schaum, der wie angekündigt nach „rien“ schmeckt, finden wir Absinth in halbflüssiger Konsistenz. Ein netter Auftakt – die grosse Offenbarung ist das aber noch nicht.

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Une boule de Berlin qui devient Pékin [5/10]

Für uns ist zwar nicht ganz klar, weshalb man diesen Happen als Berliner bezeichnet, schmecken tut er aber sehr fein. Uns gefällt die süffige Masse mit dem asiatischen Touch und dem knackigen Stangensellerie.

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Le Schweppes est „Suisse“ [-/10]

Dieses Schweppes würde auch gut als Dessert durchgehen. Die Kombination aus Joghurt und Zitrusfrüchten ist fein. Dies kann man, vorausgesetzt man hat zu Hause Joghurt und Orange, aber auch gut selber zubereiten.

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L’omble chevalier, comme un taillé aux greubons [-/10]

Das Netz aus Schweinefett hat einen angenehm animalischen Goût, der darunter liegende Fisch aus dem Genfersee ist fad und ausdruckslos. Von den vorhin im Labor angekündigten hochwertigen Produkten, spüren wir hier nichts.

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Ravioli au vacherin Fribourgeois, eau de basilic [-/10]

Der Raviolo duftet nach feinem Basilikum. Am Gaumen erinnert er uns an die Convinience Version aus der Migros. Mit dem Unterschied, dass dieser hier weitaus wässriger schmeckt, als die ebenfalls eher ausdruckslose Variante vom Detailhändler.

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Die ersten 5 Gerichte sind durch und etwas konsterniert sitzen wir am Tisch. Bis hierhin gab es noch kein einziges Highlight. Etwas enttäuscht drehen wir die Muh-Dose auf unserem Tisch – die Stimmung mag das aber nicht merklich zu steigern.

Le traditionnel Birchermuessli de foie de canard [6/10]

Zeit für einen signature Dish von Martin. Das Gericht steht seit 2008 auf seiner Karte. Wir tauchen den Löffel in die Schale und führen das Müsli an den Gaumen. Dort schmilzen die Leberperlen langsam und setzen ein sehr feines Aroma frei. Sofort wird es von den Säurenoten der getrockneten Himbeere und Passionsfrucht flankiert. Ein sehr gutes und harmonisches Gericht, bei dem wir uns lediglich ein etwas intensiveres Leber-Aroma wünschten. Zudem vermissen wir die vom Gault-Millau erwähnte „Explosion am Gaumen“. Die kleinen Leber-Stückchen schmelzen zu langsam um eine solche Wirkung zu erzeugen. Trotzdem, bis jetzt klar das beste Gericht – so darf es weitergehen!

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Claude Nobs [-/10]

Bis zu seinem unerwarteten Tod Anfang des Jahres, war Claude Nobs Stammgast bei Denis Martin. Der Gründer des Montreux Jazz Festival kam so oft vorbei, dass man ihm, um ihn zu überraschen, einige Gerichte jeweils spontan in das Menü einbaute. Dieses Gericht ist eine Hommage an ihn und daher an jedem Abend anders – sehr originell wie wir finden. Wir haben heute Abend aber etwas Pech. Denn das heutige Gericht besteht aus einem frittierten Fischbällchen unter einem Zwiebelgeflecht und ist von entäuschender Qualität – nicht besser als das, was man beim Take-Away Stand um die Ecke erhält.

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Neige de colza Suisse, crabe et rhododendron [5/10]

Viel besser dann das süffig-feine, leicht süsse Mousse, welches wunderbar nach Rapsöl und Estragon schmeckt. Solche Aromen machen Spass.

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Fricasson Vaudois [5/10]

Das nächste Gericht ist simpel, gefällt uns dank der knusprigen Textur und dem Brataroma am Basmati-Reis sehr gut.

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Tout Tomate [-/10]

Das Gericht mit dem verheissungsvollen Namen, wird mit etwas Brot serviert. Erst beim zweiten Blick bemerken wir, dass es sich um kein echtes Gebäck handelt. Die Begeisterung über die real wirkende Optik, muss schnell der Enttäuschung über das befremdliche Aroma am Gaumen weichen. Die Konsistenz erinnert an Isoliermatte, der Geschmack ist künstlich und seelenlos. So stellen wir uns eine Tomate vor wie man sie in der Postapokalypse essen wird.

Das Gericht auf dem Hauptteller ist marginal besser, schmeckt aber auch konträr zu unseren Vorstellungen von „Tout Tomate“. An den „unechten“ Aromen sind die Essenzen schuld. Diese riechen zwar in der Nase aber schmecken nicht auf der Zunge. Im Moment würden wir alles für eine echte Tomate geben…

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Sii de Savièse & Langoustine [-/10]

Auffallend, zum ersten Mal am heutigen Abend verbreitet sich im Restaurant ein angenehmer Duft nach gutem Essen. Ein toller Kaisergranat an leicht geröstetem Sesam wird serviert. Eigentlich ein wunderbares Gericht, wäre da nicht dieses befremdliche  Rotweinpulver, welches überhaupt nicht zum Krustentier passen will und ihm damit die Chance raubt das Highllight des Abends zu werden.

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Roesti, Polenta Lyophilisée et sorbet Yuzu [5/10]

Auch das sehr gutesJoghurt-Eis mit Yuzu-Öl könnte gut als Dessert durchgehen. Ergänzt wird das Gericht, indem wir die Bisquit-Füllung mit gefriergetrocknetem Mais darüber leeren. Das Geschmacksbild ändert sich zwar nicht, jedoch wird das Ganze um eine Textur reicher.

Im Anschluss widmen wir uns dem etwas tangigen Cornet, welches sehr fein nach Speck und Zwiebeln schmeckt.

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Sachet coca „ïne“ [-/10]

Der nächste Happen wurde uns bereits bei der Demonstration im Labor präsentiert. Jetzt dürfen wir ihn selber probieren. Etwas befremdlich ist es schon, sich ein täuschend echt wirkendes Plastiktütchen in den Mund zu stecken. Zum Glück verflüchtigt sich die Tüte aber recht schnell und setzt eine Brause à la Cola-Tiki frei. Wir schauen uns am Tisch an und beginnen zu schmunzeln – aber weniger wegen dem Effekt sondern mehr wegen der unfreiwilligen Komik. „Tiki“ kennen wir zwar aus unserer Kindheit und noch heute ist die Brause eine schöne Erinnerung an diese Zeit. Doch anscheinend gehören wir nicht zu der Art Menschen die 250 Kilometer fahren um sich dann über ein solches Pulver zu freuen.

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Saucisson vaudois [5/10]

Dampf mit Liebstöckelgeschmack schwebt über unseren Tisch. Der Porzelanlöffel vor uns verschwindet im Nebel und taucht wenige Augenblicke später wieder auf. Ist der Löffel erstmals im Mund, verbreitet sich ein sehr facettenreiches und sich schnell änderndes Aroma. Wir mögen die Saftigkeit des Fleisches und die pikante Schärfe. Dazu ein subtiler Geschmack von Zitronengras.

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Chrysalide de Tête de moine et croquant Dézaley [6/10]

Auch das nächste Gericht ist eines der Highlights des heutigen Abends. Der in Zuckerwatte gehüllte Tête de moine harmoniert überraschend gut mit der Süsse. Auch der „Weissweinkorken“, auf dem zweiten Teller, ist richtig fein und harmonisch.

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L’oeuf coque de Gruyère [-/10]

Weitaus weniger gut funktioniert dieses Gericht. Es erinnert uns an ein kaltes Käsefondue. Das angekündigte Ei und den Schuss Kirsch schmecken wir nicht.

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Rosée du matin & Sous-bois [-/10]

Eine knusprige Textur, ein facettenreicher Geschmack nach Pilzen und Wald und dazu ein Löffel der nach Harz schmeckt. Eigentlich gute Voraussetzungen für einen spannenden Spaziergang durch das Unterholz, doch irgendwie will der Funke bei uns nicht überspringen. Uns stört vor allem die salzig, weisse Sülze. So ist dieses Erlebnis weitaus weniger genussreich als die Version die wir bei Heston Blumenthal vor ein paar Jahren erleben durften.

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Pigeon voyageur [5/10]

Originell wie die Taube den Weg auf unseren Teller findet: Der Service tritt mit einem Korb an unseren Tisch, greift ins Innere und streckt uns ein Couvert mit der Aufschrift „Luftpost“ entgegen. Darin wiederum finden wir eine Plastiktüte. In dieser wurde die Taube in der Mikrowelle fertig gekocht, nachdem man sie zuvor in der Pfanne scharf angebraten hatte. Mit der gereichten Schere öffnen wir den Beutel und leeren den Inhalt auf unseren Teller.

Während die Optik auf dem Teller – nachvollziehbarer Weise – etwas kläglich wirkt, macht das geschmackliche Ergebnis Spass. Der hochwertige Vogel ist perfekt gegart, entsprechend zart und wild im Geschmack. Auch die süssliche Sauce, mit dem leichten Rosmaringeschmack, überzeugt.

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Le cochon de la St. Martin [5/10]

Zeit für den letzten Gang vor den Desserts – Auftritt für den Bunsenbrenner. Gekonnt wird die dünne Kuppel über dem Gericht zu einer Sauce geschmolzen und das darunterliegende Schweinefleischbällchen freigesetzt. Das an eine Dim-Sum Füllung erinnernde Fleisch gefällt uns sehr, weniger die wässrige Sauce und der verkochte Lauch.

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Etolie des neiges „Pommes & Ricola“  [-/10]

Den Auftakt der süssen Armada machen frittierte Apfelschnitze an Zimtgewürz. Dazu ein Püree das tatsächlich sehr stark nach Ricola schmeckt.

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L’inconnu sur le thème du Läckerli de Bâle [-/10]

Auch der zweite Happen schlägt die Brücke zu seinem originalen Basler Vorbild. Einzig der Rotweingeschmack wirkt etwas befremdlich.

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Bâton de Cannelle

Die hauchdünne Schokoladenrolle schmeckt zwar wider Erwarten nicht nach Zimt, dafür unglaublich gut nach Milchschokolade.

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Tourte au Kirsch de Zoug  [-/10]

Nun geht es kulinarisch in die Zentralschweiz. Bei dieser modernen Interpretation der Zugerkirschtorte vermissen wir das Wichtigste: einen guten Kirsch. Abgesehen davon, gefällt uns das Dessert, welches wegen den knusprigen Elementen an das Rückteil der Original-Torte erinnert.

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Langsam wird das Menü etwas gar stark in die Länge gezogen. Denn wie schon auf die bisherigen Gänge, warten wir auch jetzt jeweils zehn Minuten auf das nächste Dessert. Da diese aber immer kleiner werden, würde es in unseren Augen mehr Sinn machen, wenn man die Nascherien vereint auf einem Teller servieren würde.

Caramel „Mou“  [-/10]

Der Caramel Cubus hat eine Geleeartige Konsistenz und wird geschmacklich von der gerösteten Nuss überstimmt. Witzig, das Papierchen kann man ebenfalls essen.

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Toblerone [5/10]

Und nochmals kommt der Bunsenbrenner zum Einsatz. Die Schokolade ist sehr fein. Dank dem Einsatz des wunderbaren Honigs, schafft man klare Assoziationen zur dreieckigen Schokolade.

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Wir haben nun Lust auf einen Espresso und geniessen diesen im kleinen Salon, in dessen Mitte ein massiver Holztisch steht. Neben dem guten Kaffen serviert man uns hier auch das Finale, Gericht Nummer 26.

La fille d’Einstein [-/10]

Der Effekt, mit dem sich selber aufblasenden Ballon, ist eindrücklich. Der Inhalt, zwei Bisquits die nach Sanddorn schmecken, sind es weniger – dafür sind sie zu trocken. Unsere Hoffnung, zum Schluss noch ein Highlight serviert zu bekommen, zerplatzten genau so schnell wie zuvor der schwarze Ballon.

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Fazit: Die Show ist Denis Martin gelungen. Vier Stunden lang hat es um uns herum geblitzt, geraucht und geknallt. Dabei kam lediglich einer am Tisch nicht auf seine Kosten: der Gaumen. Viele der Gerichte konnten, die zurecht hohen kulinarischen Erwartungen, nicht erfüllen. Zu vieles schmeckte belanglos und unausbalanciert. Klar, auch wir waren unter anderem beeindruckt, wie täuschend echt das Brot beim „Tout Tomate“ aussah, nur erinnerte dabei geschmacklich überhaupt nichts an das eigentlich tolle Gemüse.

Die Küche von Denis Martin polarisiert. Wir gehören zu der Art von Gästen, die eine gute Praliné, serviert auf einer simplen Papierserviette, jederzeit einem trockenen Bisquit, welches aus einem imposanten Ballon fällt, vorziehen. Wir mögen zwar überraschende Effekte, aber nur dann, wenn sie auch einen kulinarischen Nutzen haben. An diesem Abend hinkten aber die meisten Speisen geschmacklich weit hinter der Visualisierung her und oft hatten wir das Gefühl, dass der Goût, bei der Rezeptur, nur eine kleine Nebenrolle spielt.

Dass Martin auch Geschmack auf den Teller bringen kann, hat er bei einzelnen Gerichten demonstriert. Die Foie Gras Kompositon war intelligent und geschmacklich sehr interessant. Auch die Taube und drei, vier andere Gerichte haben uns richtig gut gefallen. So sind wir überzeugt, dass er durch eine Reduktion seines Menüs viel mehr herausholen könnte. Davon hätten am Schluss alle mehr. Martin, weil er nicht mehr diese Flut an Teller schicken müsste (und dadurch auch die Optik näher an seine Internetbilder führen könnte), die Servicebrigade, die sich mehr Zeit für die Gäste nehmen könnte und am Ende die Gäste, die von besser ausbalancierten, auf den Geschmack fokussierten Gerichten sowie einem aufmerksameren Service profitieren würden.

Martin will mit seiner Küche in erster Linie verblüffen und unterhalten. Gäste die einen etwas anderen Restaurantbesuch erleben möchten dürfen gerne einen Blick riskieren. So gab es auch um uns herum einige Paare, die sich offensichtlich bereits seit Jahren nichts mehr zu sagen hatten und dank den diversen Effekten ins Gespräch kamen oder wegen der Muuh-Dose wieder einmal herzhaft lachen konnten. In diesem Sinne hat Denis Martin sein Ziel erreicht.

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Menü: Zur Auswahl steht ein grosses Menü. Dieses besteht, je nach Saison aus ca. 22 bis 26 Gängen. Verrechnet wird dieses für 360 Franken.

Zeit: Das Menü dauerte 4.5 Stunden.

Wein: Eine Weinbegleitung wird nicht angeboten. Auf der kleinen Weinkarte findet man mehrheitlich Flaschen über 100 Franken. Offene Weine werden, abgesehen von je einem Weissen und Roten, nicht angeboten.

Online: Die tolle Website ist sehr schön und beinhaltet alles Wissenswerte.

Wertungen:  Gourmör O0 / Michelin M1 / Gault-Millau GM18

(Besucht im April 2013)