amrein’S, Sursee

Romy und Beat Amrein haben sich im letzten Jahr mit dem eigenen Restaurant in Sursee einen Traum erfüllt. Davor wirteten die beiden im Nachbardorf St. Erhard im Mostkrug. Sich nur ein paar Kilometer weiter niederzulassen hatte den Vorteil, dass man sich die vielen Stammgäste und den guten Ruf nicht von neu auf erarbeiten musste. Und so war das Restaurant bei unserem Besuch, ein Jahr nach der Eröffnung, auch komplett ausgebucht. An einigen Tischen wurden am späten Abend sogar noch neue Gäste platziert die ein Glas Wein oder ein Dessert genossen.

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Das ist auch das Konzept des amrein’S. Das Restaurant hat den ganzen Tag geöffnet. Ob zum Frühstück, auf ein Glas Wein mit Häppchen oder eben zum Mittag- und Abendessen die Gäste sind jederzeit willkommen. Das Restaurant ist modern und stilvoll eingerichtet und äusserst unkompliziert. Einzig die etwas hohe Lautstärke gibt Grund zur Kritik.

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Auch Weinliebhaber kommen auf ihre Kosten. Erzeugnisse aus ganz Europa stehen auf der Karte. Die Weine können auch über die Gasse gekauft werden. Auch diverse Gewürze und Pasten kann man im kleinen Shop erwerben.

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Wir kamen aber des Essens wegen. Auf der Speisekarte findet man eine schöne Auswahl an à la carte Gerichten für jeden Geschmack. Dazu gibt es jeden Monat ein anderes 5 Gang Menü – wovon ein Gang jeweils ein Käseteller ist. Wir wählten dieses Menü und wurden gleich mit einem Highlight beglückt: dem Brot. Denn neben einem normalen Ruchbrot lag auch noch ein Speckbrot im Korb. Dieses war einfach phänomenal! Der Rand war eine Mischung aus Brot und Kuchen mit intensivem Speckaroma, wow!!

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Fritierte Calamares [5/10]

Der Gruss aus der Küche glich optisch den Calamares die man von vielen Buffets oder auch vom Fast-Food Bereich her kennt. Geschmacklich hatten sie aber mit dieser Massenware überhaupt nichts gemein. Der Tintenfisch war schön zart, der Frittiergeschmack war frisch. Ein schöner Einstieg.

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Gebratener Bärenkrebs, Tatar vom Schenkoner Rind, grüne Spargeln, Honig-Vinaigrette, Brunnenkresse [6/10]

Surf & Turf à la Amrein. Die Spargeln waren zwar unerwartet kalt aber dafür richtig schön knackig. Der Spargelgeschmack war intensiv und die Honig-Vinaigrette passte vorzüglich dazu. Das Tatar war schlicht genial! Wunderbar feingeschnitten, super abgeschmeckt. Mein erstes Tatar das nicht scharf war aber trotzdem Charakter hatte! Leider war das Pendant, der Bärenkrebs, nicht von gleicher Qualität. Das Krustentier war an vielen Stellen mehlig und weich in der Konsistenz. Der Grapefruitschnitz passte geschmacklich überhaupt nicht auf den Teller.

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Gebratenes Zanderfilet auf Gartenerbsen, Vangole, Artischocken, Frühlingsspinat [5/10]

Was für ein feiner Geruch nach Fisch und frischem Dill – wunderbar. Auch die verschiedenen Komponente passten gut zusammen. Vor allem die Muscheln, die feinen Erbsen und das zarte Artischockenherz. Der Zander war fein und saftig, lediglich die Kruste hätte ich mir knuspriger gewünscht. Eigentlich ein weiterer sehr überzeugender Gang wenn da nur jemand nicht so fest ins Salzglas gegriffen hätte, sehr schade!

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Rücken vom Emmentaler Kalb, Morcheln, Bärlauch-Kartoffeln, Frühlingsgemüse [9/10]

Bis der Hauptgang serviert wurde dauerte es über 30 Minuten (auch zwischen dem vorherigen Gang mussten wir so lange warten). Da die vorherigen Portionen schon recht opulent waren, hatten wir immerhin keinen grossen Hunger mehr. Umso verblüffter waren wir als uns dieser reich bepackte Teller serviert wurde.

Zum Glück war das Servierte sensationell! Wunderbares, zartes Fleisch welches schön saftig war. Dazu zwei umwerfende Saucen. Zum einen eine Morchelsauce, mit ganzen Morcheln bestückt, sowie eine dunkle Weinsauce die schlicht eine Wucht war! Aromatisch und tief – eine Geschmacksbombe sondergleichen. Die leicht gestampften Kartoffeln mit kleinen Bärlauchstreifen waren fein. Zudem gab es noch wunderschönes Frühlingsgemüse (tolle Frühlingszwiebeln, knackiges Baby-Rüebli, feine Kefen) welches ebenfalls perfekt zubereitet war!! Zu guter letzt thronte ein aromatisches, getrocknetes Bärlauchblatt auf der Spitze. Ein geschmackliches Kunstwerk, so muss ein Hauptgang schmecken!

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Käseauswahl vom Luzern Markt

Einen Käsewagen gibt es nicht. Die Käseauswahl war aber abwechslungsreich und in Ordnung. Ein süsser Senf und vor allem mehr von diesem feinen Birnenweggen wären toll gewesen.

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Rhabarberküchlein mit Erdbeeren, Weisses Schoggimousse, Schoggihüppe [-/10]

Man muss diese Erdbeeren nur in den Mund nehmen und schmeckt gleich, dass deren Saison noch nicht gekommen ist. Schade, dass man so etwas  in einem solch ambitionierten Restaurant überhaupt auftischt. Das weisse Schoggimousse hatte ebenfalls zu wenig Geschmack. Das Küchlein mit Rhabarber roch wunderbar, hatte aber im Gaumen nicht den gleich feinen Geschmack. Das Küchlein war auch zu wenig knusprig.

Dass das amrein’S Team auch tolle Deserts machen kann hat der Schoggikuchen bewiesen der meine Freundin anstelle des Menü-Deserts bestellt hat. Der Kuchen mit flüssigem Kern war nämlich richtig genial!

Übrigens, ich hätte es geschätzt wenn man zum Dessert noch ein Glas Dessertwein angeboten hätte.

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Zum Kaffe wurde noch ein Zitronengugelhöpfli aufgetragen. Wunderbar frisch und saftig, mhhh!

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Fazit: Zuerst ein grosses Kompliment an die junge, freundliche Dame die uns bedient hat. Locker, engagiert und zuvorkommend, so muss es sein. Das amrein’S ist ein unkompliziertes aber kulinarisch ambitioniertes Restaurant für Jedermann. Wir haben uns sofort wohl gefühlt. Auch kulinarisch wird viel mehr geboten als das Alltägliche, und dann zu solch fairen Preisen (Menü). Also eine klare Weiterempfehlung!

Um das Genusserlebnis weiter abzurunden würde ich es begrüssen wenn zum Monatsmenü eine schöne Weinempfehlung angeboten würde. Uns hat man zwar spontan etwas aus dem wenigen Offenangebot offeriert aber die Weine waren nicht auf demselben Niveau wie das Essen. Zudem müssten die Wartezeiten zwischen den Gängen (bis zu 38 Minuten) ein wenig verkürzt werden.

Online: Auf der schönen Homepage findet man viele Informationen zum Restaurant. Auch die aktuelle Speise- und Weinkarte ist online. Zudem gibt es auch ein regelmässig erscheinendes PDF-Magazin zum herunterladen.

Rechnung: 5 Gang Menü Fr. 87.- / 4 Gänge Fr. 75.- / 3 Gänge Fr. 65.-

Wertung: Gourmör / Gault-Millau

Griggeler Stuba (Burg Vital Hotel), Lech (A)

Einen sonnigen Tag auf der Skipiste und am Abend ein Diner in einem 18 Punkte Restaurant? Das hatten wir schon einmal und zwar in Saas-Fee als wir nach einem Tag im Schnee ein tolles Menü im Fletschhorn geniessen durften (zum Bericht). Auch im genialen Skigebiet Lech (Österreich) gibt es ein 18 Punkte Restaurant welches bis zum Ausstieg von Michelin in Österreich auch einen der begehrten Sterne tragen durfte. Das passende Michelin-Schild hängt übrigens immer noch wehmütig an der Eingangstür.

Die Griggeler Stuba gehört zum schönen Burg Vital Hotel. Thorsten Propost, Jahrgang 1973, kocht hier seit Jahren für alle Halbpansion-Hotelgäste sowie die Besucher der Griggeler Stuba, dem Gourmet Bereich. Der Österreicher ist dafür bekannt mit Zutaten aus der Region zu kochen. Er zieht die Süsswasserfische aus Zug (Nachbardorf von Lech) einem Lobster aus der Bretagne vor. Seine grösste Passion gilt aber den Kräutern. Er kennt sie alle und er weiss auch mit welchem Kraut er den jeweiligen Gang verfeinern kann. Und so hat auf jedem Teller ein anderes Kraut seinen Auftritt. Zum besseren Verständnis wird dazu jeweils das passende Grün samt Topf auf den Tisch gestellt.

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Zuallererst durften wir mit der Sommelière in den schönen Weinkeller (wir haben im Voraus angefragt). Über 1’600 verschiedene Flaschen warten hier unten auf ihre Kredenzung. Der erste Weisswein musste dann auch gleich dran glauben. Der servierte Pichler-Krutzler schmeckte genial und man hörte dem Fachwissen der aufgestellten Tanja Gohrke gleich gleich noch freudiger zu.

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Das eigentliche Gourmetlokal, die Griggeler Stuba, ist vom restlichen Hotelrestaurant nicht abgeschnitten sondern nur leicht abgetrennt. Dadurch wurden wir auch eine Zeitlang vom Kindergeschrei aus dem vorderen Restaurant begleitet. Der Gourmetteil besitzt gerade mal fünf Tische wovon bei unserem Besuch, nach der Hauptsaison, deren vier unbesetzt blieben(!). Für die Stimmung sicher kein Pluspunkt, denn es ist schon etwas speziell so im Fokus zu stehen. Dank dem professionellen aber auch sehr freundlichen Service hat sich dieses Unbehagen aber bald ein wenig gelegt.

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Vor dem Essen kam der Chef persönlich an den Tisch und brachte einen kleinen Happen mit. Dieser schmeckte sehr spannend und steigerte die Vorfreude aufs Menü. Dieses wird als Überraschung in 6 oder 7 Gängen serviert. Wir entschieden uns für die grössere Variante und warteten gespannt auf den Start. Davor bot man uns aber noch vier feine Brote [4/6] an. Diese wurden nach der Wahl zurecht geschnitten und mit einer silbernen Zange auf den Teller gelegt. Dazu gab es gesalzene Butter und vier verschiedene Salze.

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Die Säfte: Erbse (Affila Kresse) / Erbse (Mustard) / Erbse (Pimpinelle) [5 /10]
Damit man sich an das Thema mit der Kräuterwürzung besser herantasten konnte, gab es zum Start drei Gläser mit kühlem Erbsenjus. Jeder wurde mit einem anderen Kraut verfeinert. Dazu lag vor jedem Glas ein kleines Müsterchen. Vom Maître wurden wir aufgefordert das Kraut zuerst ein wenig zu kauen und dann den Jus zu trinken. Ich war beim zerbeissen der Kräuter sehr überrascht wie intensiv diese schmeckten. Das Eine hatte eine starke Wassermelonen Note – das Andere einen intensiven Senfgout mit der dazu gehörenden Schärfe. Verfeinert mit den Erbsen war das Aroma im Glas aber schon wesentlich milder. Dieses Manko, dass die Kräuter zwar „nackt“ intensiv schmeckten aber im einzelnen Gericht trotzdem nicht richtig herausstachen, begleitete das ganze Menü.

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Der gedämpfte Hecht mit Karfiolcreme und Radicchio (Wilder Ysap) [- /10]
Die erste Enttäuschung! Der Fisch war fad und langweilig. Dem stand die Begleitung in Form von Karfiolcreme (Blumenkohl) sowie Radicchio in nichts nach. Zudem war die Portion, obwohl sie hier auf dem Bild nicht so aussieht, sehr (!) klein. Ich würde sehr gerne etwas Positives schreiben aber bis auf die Tatsache, dass der Fisch tadellos zubereitet war, gibt es leider nichts zu loben.

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Das Felchen mit Saubohnen in der Grünen Veltinersuppe (Indischer Borretsch) [6 /10]
Dieser Fisch war besser, aber immer noch zu fad. Zum guten Glück wurde das Felchen aber noch in einen unglaublich tollen „See“ gebettet. Der Service leerte stilvoll ein bisschen grüne Veltinersuppe ins Porzellan. Die Suppe war wunderbar abgeschmeckt und schmeckte sehr, sehr gut. Schade nur, dass man uns keinen Löffel reichte. Die Saubohnen waren übrigens ebenfalls toll und passten wunderbar!

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Der gebratene Zander auf cremigem Spinat und Morcheln (Toon) [5 /10]
Man hat uns zu Beginn darauf aufmerksam gemacht, dass der Koch nur sehr zurückhaltend würzt. Deshalb bin ich beim dritten Fisch über meinen Schatten gesprungen und habe zum ersten Mal in einem Restaurant zum Salz gegriffen. Der Fisch selber war sehr gut gebraten. Die Kruste kross, das Fleisch innen saftig. Der Spinat schmeckte nach nichts, die feinen Morcheln dominierten. Doch trotz der Morcheln und der knuspriger Haut wird mir dieser Gang nicht lange in Erinnerung bleiben.

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Der Rücken vom Schaf mit roten Linsen (Schnittlauch & Kren) [5 /10]
Endlich (!) etwas anderes als Fisch. Das Schaf war wunderbar. Man roch, dass man kein Kuhfleisch isst und trotzdem war der Geschmack weit vom „böckelen“ entfernt. Der Kren (Meerrettich) wird in Österreich oft aufgetischt. Dieser hier war einer der milderen von denen wir an diesem Wochenende gegessen hatten. Die Linsen schmeckten sehr gut! Übrigens, das spannendste an diesem Gang war für mich die Erfahrung, dass zu einem solchen Fleisch ein Weisswein trinken kann. Dieser wurde uns nämlich hier kredenzt.

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Das Goderl vom Hanseler Hof Schwein mit zweierlei von der Topinambur (Sariette) [5/10]
Das „Goderl“ ist ein Teil vom Schweinehals und es besteht fast ausschliesslich aus Fett. Wer sich auf das Experiment einlässt wird überrascht sein wie toll so etwas schmecken kann. Das Fett war natürlich fast flüssig, also kein kauen. Und logischerweise war die Fettmasse auch äusserst geschmacksintensiv! Da ging die fade und zu wässrige Topinambur leider unter.

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Der Rücken vom Hanseler Hof Kalb mit Selleriecreme und roter Zwiebel (Olivenkraut) [5/10]
Auch dieser Gang war in Ordnung. Aber leider wie so viele seiner Vorgänger nicht mehr als das. Das Fleisch war zart, die Sauce aber ohne Tiefe. Die Selleriecreme sah optisch aus wie die Topinambur auf dem vorderen Teller und wie die Blumenkohlcreme unter dem Hecht. Auch der Geschmack war tragischerweise in etwa der Gleiche. Die roten Zwiebeln setzten ebenfalls keine Akzente.

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Als Pré-Dessert [8/10] wurde uns dieser Teller mit eingelegten Rhabarber, kleinen Panna cotta und dem Merengue präsentiert. Mit einem solchen Dessert hätte ich überhaupt nicht mehr gerechnet. Es schmeckte richtig spannend und sah zudem auch viel moderner aus als das bisher servierte. Toller Rhabarbergeschmack. Fein die kleinen Details!

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Dazu wurde noch ein Rhabarber Drink serviert – natürlich begleitet mit dem dazugehörigen Kraut. Der Drink war richtig toll!

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Die Schokolade von Valrhona mit Passionsfrucht, Kurkuma, Mandel (Ananas Salbei) [9/10]
Dann war es Zeit für das Hauptdessert. Auch hier mit modernen Zubereitungsarten – ob sinnvoll oder nicht – Air und Pulver à la Adrian Ferran (so wurde es uns angekündigt). Auch das Passionsfruch-Seeli war fein. Daumen hoch für den feinen Brownie mit weisser Schokoladen Haube,  so schmecken 18 Punkte! Das Highlight schlummerte aber auf einem zusätzlichen Tellerchen. Unter Blattgold und einem weichen Deckel verbarg sich eine unglaublich feine Schokoladenflüssigkeit. Durch und durch überzeugend. Einzig die Orangenkomponente (Air) hätte ich hier nicht gebraucht.

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Zum Espresso wurden die Friandeses [6/10] aufgetragen. Vor allem das weisse Praline mit Pfeffer gefiel mir.

Hier noch ein Schälchen mit Safran-Marshmelows.

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Fazit: Vor dem Besuch hoffte ich natürlich, dass ich hier ein ähnliches tolles Menü essen darf wie damals im Fletschhorn. Von der Bewertung her müsste es ja passen. Auch die Tatsache, dass beide Köche zwei Jahr vor meinem jeweiligen Besuch „Koch des Jahres“ in ihrem Land waren erhöhte meine Vorfreude. Die Hoffnung habe ich aber bereits nach dem dritten Fischgang begraben. Der Funke wollte einfach nicht überspringen. Die Würzung in den Hintergrund zu stellen und dafür auf Kräuter zu setzen welche der Gast womöglich noch nie zuvor gegessen hat und die er dann rausschmecken sollte, halte ich für gewagt. In meinem Fall gelang das Experiment nicht.  Auch eine beissfeste Begleitung habe ich vermisst. Stattdessen stand nur der Hauptdarsteller auf dem Teller umgeben von irgendeiner, meist ausdruckslosen,  Sauce oder einem Püree.

Terroir-Küche ist toll, aber dann müssen die Zutaten aussergewöhnlich sein und auch von einer charaktervollen Sauce begleitet werden. Im Fall von der Griggeler Stuba war aber leider fast alles fad und geschmacklich unspektakulär. Für mich gab es keinen Gang den ich nochmals essen möchte – bis vielleicht auf die Veltinersuppe.

Eine starke Steigerung gab es erst nach dem Hauptgang. Die tollen Desserts zauberten uns dann doch noch ein Lachen ins Gesicht, die Pâttisserie werkelte klar auf Sternennivau! Zu dem Zeitpunkt sass Propost aber bereits im vorderen Teil des Restaurants bei einem Kaffee.

Ist es schlicht nicht mein Restaurant? Oder hat man für nur einen gebuchten Tisch nicht den voll Einsatz gegeben?

Online: Auf der Homepage der Griggeler Stuba erfährt man viel über Thorsten Probost und die Philosophie seiner Küche. Ebenfalls kann man auch sein schönes Kochbuch virtuell durchblättern. Leider fehlen Beispielmenüs.

Rechnung: 7 Gänge à 119.80 € / Weinbegleitung (7 Gläser Wein) 66 €

Wertung: Gourmör / Gault-Millau 

Segreto, Wittenbach

Bei jeder Ausgabe eines neuen Guide Michelin schaut man nicht nur gespannt auf die Sterne Restaurants sondern auch auf die „Hoffnungsträger“. Diese wenigen Restaurants werden vom Inspektorenteam im darauffolgenden Jahr besonders genau getestet. Denn diese Restaurants haben bei gleichbleibender Leistung eine grosse  Chance auf einen Michelin Stern (respektive auf einen zusätzlichen Stern). Es ist auch möglich ein Restaurant zwei Mal in Folge als „Hoffnungsträger“ zu markieren. So zum Beispiel passiert beim Restaurant Schauenstein in Fürstenau welches nach zwei Jahren als Hoffnungsträger, in der 2011er Ausgabe den 3. Stern erhalten hat – übrigens der Einzige neue 3 Sterner in Europa in diesem Jahr!

Das Restaurant Segreto in Wittenbach bei St. Gallen ist eines von zwei Restaurants welche in diesem Jahr als Hoffnungsträger für einen Stern fungieren. Das Küchenteam rund um den Deutschen Martin Benninger werden deshalb dieses Jahr besonders Gas geben, im Wissen so kurz vor einem Stern zu stehen. Als „Hoffnungsträger“ zu gelten wird sie auch über die Abstufung auf 14 Punkte durch den Gault-Millau hinweg trösten. Ich wollte wissen wie die gehobene Italienische Küche im Segreto schmeckt und habe einen Tisch für einen Business Lunch reserviert.

Das stilvolle und moderne Restaurant sieht schon von aussen sehr einladend und interessant aus. Vom professionellen Gastgeber Alberto Provenza wurden wir herzlich begrüsst und an einen der wenigen Tische begleitet. Diese stehen mit grossem Abstand voneinander was sehr angenehm ist. Da ich zuerst nur für eine Person reserviert hatte, musste ein zusätzliches Gedeck aufgetischt werden. Dazu hatte der Maître weisse Handschuhe angezogen. Auch der restliche Service war tadellos. Die einzelnen Gänge wurden vorbildlich aufgetragen und vorgestellt, regelmässig nachgeschenkt, nachgefragt – kurz wir wurden richtig verwöhnt. So stark, dass wir am liebsten den ganzen Nachmittag sitzen geblieben wären.

Auf der Karte findet man einen preiswerten Business Lunch. Man wählt dabei aus drei verschiedenen Vorspeisen und zwei Hauptgängen (zusammen Fr. 38.-) und erhält für 10 Franken noch ein Tagesdessert. Daneben hat es noch eine kleine à la carte Auswahl, ein Auszug aus der Abendkarte. Ich habe mich für das Mittagsmenü entschieden.

Doch vor der Vorspeise wird das Brot gereicht. Man hat die Qual der Wahl von Brötchen mit Tomaten, Bärlauch, Oliven, Vollkorn und einigen mehr. Dazu erhält man drei verschiedene Dips auf den Tisch. Dies waren Mousse von der Bodensee-Forelle mit Oliven, gesalzene Appenzeller-Butter sowie Ricotta mit Baby-Rüebli. Ein toller Auftakt! Die Forelle mit Oliven harmonierte perfekt, der Ricotta-Dip passte wunderbar zu den knackigen Rüebli. Die Butter war für meinen Geschmack zu wenig gesalzen.

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Ein grosses Fragezeichen beim Gruss aus der Küche! Was haben Spargeln mitten im März auf einem Teller zu suchen? Für mich macht es überhaupt keinen Sinn die Spargelsaison 6 Wochen früher durch Importe einzuläuten. Das bedeutet, dass man bis zur eigentlichen Saison schon genug davon hat. Ich verstehe, dass der Monat März für Köche schwierig ist (jeder hat genug vom Wintergemüse doch der Frühlingsnachschub ist noch nicht da) aber da muss man eine andere Lösung finden. Jedenfalls lag vor uns ein Spargelschaum / Pochiertes Wachtel Ei mit Spargelspänen. Eins muss man dem jungen Koch lassen, die Spargeln hatten einen intensiven Geschmack und waren nicht so wässrig wie übliche Importware. Das Wachtel Ei harmonierte gut mit den Spargeln, der Schaum war in Ordnung.

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Das Bruschetta mit Flusskrebsen wurde serviert. Der Ruccola hatte ein feines Dressing. Das Brot war knusprig, die Tomaten sehr gut abgeschmeckt, die Flusskrebse passten gut. Das einzige Problem waren die WMF Messer welche zwar optisch sehr schön aussahen aber Mühe hatten sich durch das Brot zu schneiden.

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Gebratene Perlhuhnbrust mit grünem Spargel und Parmesan war der Hauptgang oder Secondi, wie es auf der Karte heisst. Wiederholungen sind nie spannend. Deshalb fand ich das Wiedersehen mit dem Spargel nicht sehr originell. Ebenfalls total überflüssig war der Air der nach Spargeln schmecken sollte es aber nicht tat. Die Spargel war gut zubereitet, der Parmesan kam Geschmacklich aber nicht durch. Die grösste Enttäuschung war aber die Sauce die gar keinen Charakter hatte. Immerhin war das Perlhuhn schön zart zubereitet und konnte mit dem extra gereichten Fleischmesser problemlos zerkleinert werden.

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Als Beilage wurde ein Schälchen mit Kartoffel-Gratin gereicht. Der Geschmack war eigentlich sehr fein jedoch war das Ganze viel (!) zu trocken. Dabei war die Sauce auf dem Teller total angetrocknet. Lag der Gratin zu lange unter der Wärmelampe oder zum wärmen im Ofen? Sehr schade!

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Noch einmal ein Schock bei der Erläuterung des Tagesdesserts: Cheescake mit frischen Erdbeeren (!!). Ow nein, nicht auch noch!! Da wir uns die schönen Desserts die wir am Nachbartisch erspäht hatten nicht entgehen lassen wollten, orderten wir etwas von der Karte. Ich entschied mich für das Schokoladen-Pavé mit Szechuanpfeffer-Eis an einer Ananassauce. Ein geniales Dessert!! Die beiden Schokoladenstücke hatten einen richtig intensiven Geschmack. Die Konsistenz war ebenfalls perfekt. Das Pfeffer-Eis war ein wunderbarer Kontrapunkt und die knusprigen Schokobrösmeli die zwischen den beiden Pavés verstreut waren, gaben noch den crispy Effekt.

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Zusammen mit dem Kaffe wurden auch noch Pralinen aufgetischt. Das weisse Praliné mit Cranberry schmeckte wunderbar frisch, das Tequille-Gelee mit Salzkruste war witzig aber schon sehr salzig. Auch die butter Bisquit waren fein – ein schöner Abschluss!

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Fazit: Ein schönes Restaurant, ein Gastgeber der seinem Namen alle Ehre macht, wunderschönes Geschirr und Besteck (sogar die Gläser sind stilvoll mit „Segreto“ beschriftet) und ein motivierter Koch der in seiner jungen Laufbahn bereits in hoch dekorierten Restaurants arbeitete (u.a. Fischerzunft, Schaffhausen * / Residenz Heinz Winkler, Aschau ** / La Pergola, Rom ***). Eine hoch interessante Zusammensetzung, trotzdem ging ich punkte Kulinarik mit gemischten Gefühlen aus dem Restaurant. Die positiven Punkte waren die feinen Dips und das gereichte Brot sowie der Abschluss in Form des wunderbaren Desserts sowie den feinen Friandises. Die Gerichte dazwischen hinkten dem Rest hinterher. Das Bruschetta war fein, aber nicht auf einem Sterneniveau. Auch der Gruss aus der Küche konnte mich nicht begeistern. Am schwächsten war aber klar der Hauptgang der zwar sehr schön angerichtet war aber sonst einfach nicht überzeugte: schwache Sauce, überflüssiges Air, fehlender Parmesan Geschmack, trockener Gratin und dann halt das falsche Gemüse – obwohl dieses sehr gut zubereitet wurde und gut schmeckte.

In dieser Form ist das Segreto in meinen Augen kein Hoffnungsträger für einen Michelin Stern. Die entscheidende Frage ist jetzt nur ob es am Mittagsmenü lag. Dafür sprechen würde die Tatsache, dass in vielen Restaurants die günstigeren Mittagsmenüs nicht in derselben Liga spielen wie die Gerichte am Abend. Das Dessert aus der regulären Karte hat mich ja sehr begeistert. Ebenfalls die Pralinen welche sicher auch beim Abendservice zum Zuge kommen. Auf der anderen Seite bin ich aber der Meinung, dass man als Koch dieser Klasse auch einfachere Essen im Griff haben muss. Ein Kartoffelgratin darf gar nie so ausgetrocknet aufgetischt werden. Zudem müssen die Saucen eine Aussage haben und nicht auf dem Teller antrocknet. Im Herbst werden wir wissen welche Meinung die Herren und Damen des Michelins haben, ich bin gespannt.

Die Homepage ist vorbildlich. Man findet darauf die Menüs, die Weinkarte und andere Infos.

Wertung: Gourmör  / Michelin (*) /Gault-Millau