Lampart’s in Hägendorf

Die Oltenerstrasse, im solothurnischen Hägendorf, ist stark befahren. Hier kreuzen sich täglich tausende Menschen, die von einem Ort zum anderen hasten. Man kann sich kaum vorstellen, dass nur gerade ein Steinwurf von hier entfernt, eines der schönsten und gemütlichsten Restaurants der Schweiz steht. Dieser Ort ist der pure Kontrast zur stressigen Strasse. Hier haben Anni und Reto Lampart ein Refugium für Gaumen und Seele geschaffen.

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Seitdem das Paar vor 10 Jahren vom Winterthurer Taggenberg nach Hägendorf zog, steckte es viel Herzblut in die schöne Remise aus dem 19. Jahrhundert. Anni Lampart ist nicht nur für das Serviceteam und den Weinkeller zuständig, sondern zeigt sich auch für die Pâtisserie verantwortlich. Ihr Ehemann Reto leitet die fünfköpfige Küchenbrigade.

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Wir freuen uns schon lange auf den Besuch bei den beiden Vollblutgastronomen. An einem kühlen Dezemberabend ist es dann endlich soweit. Dank den ausgiebigen Schneefällen der letzten Tage, finden wir das Restaurant in einem wunderschönen, weissen Setting vor. Bereits von Aussen wirkt das steinerne Landgut sehr romantisch und einladend.

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Wir gehen den kurzen Weg, der vom Parkplatz zum Restaurant führt, laufen an den weihnachtlich beleuchteten Tannen vorbei und kommen direkt vor dem schönen Steinhaus zum stehen. Durch die Fensterscheiben beobachten wir Gäste, die fröhlich um einen grossen Tisch sitzen und genüsslich tafeln. Wir sind ausgesprochen glücklich, dass wir die Szenerie nicht nur von hier Aussen beobachten müssen, sondern bald daran teilnehmen dürfen. Beim Betreten des Restaurants wird uns eine grosse Portion Freundlichkeit und Wärme entgegengebracht. Wir fühlen uns augenblicklich Willkommen.

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Wir geniessen den Apéro in der Lounge. Ein angenehmer Duft von würzigen Zigarren liegt hier in der Luft. Die Decke ist hoch, die Einrichtung für unseren Geschmack etwas gar vielseitig. Wir erhalten den Platz vor dem Fenster und bekommen einen Blick auf die weisse Landschaft vor dem Haus.

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Aus einer grossformatigen Karte, wählen wir die kulinarische Reise. Neben einer kleinen à la carte Auswahl, finden wir auch zwei Menüs, die hier Sinfonien genannt werden. Wir entscheiden uns für das „plaisir“ mit den vollen 8 Gängen.

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Zu einem perfekten Auftakt fehlt uns jetzt eigentlich nur noch etwas zu knabbern. Unser unausgesprochener Wunsch wird umgehend erhört.

Apéro-Häppchen  [-/10]

– Nordseekrabbe auf hausgemachtem Brotchip mit Thymianmayonnaise
– Gebratenes Sot’ly-laisse mit Safran-Couscous und Limes-Creme-fraiche
– Bauch vom Mangalitzaschwein aus Ennetbürgen mit Apfelchutney

Die servierte Trilogie ist frisch und abwechslungsreich. Da sie geschmacklich eher zurückhaltend ist, macht sich bei uns noch keine Begeisterung breit. Das grosse Geschmacksfeuerwerk hat man sich offensichtlich für später aufgehoben – hoffentlich.

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Nach und nach verschwinden die restlichen Gäste aus der Lounge. Mit ihnen auch der Service. So sitzen wir auf einmal ganz alleine da. Da unsere Gläser bereits seit längerem leer sind und die Häppchen den Hunger (zum Glück) noch nicht gestillt haben, machen wir uns auf die Suche nach jemandem, der uns ins eigentliche Restaurant führt. Beim Eingang werden wir fündig. Eine freundliche Dame führt uns die Treppe hoch, direkt in den eigentlichen Speiseraum. Jeder einzelne Tisch ist besetzt – der Service hat alle Hände voll zu tun und wir sehen es ihm nach, dass man uns soeben etwas gar lange hat sitzen lassen.

Unser Tisch steht leicht erhöht. Von hier hat man einen wunderbaren Blick über das Restaurant. Wir verlieben uns augenblicklich in das Bijou. Das ‚Lampart’s‘ gehört für uns, zusammen mit dem ‚Schloss Schauenstein‚, zu den schönsten Restaurants die wir bis heute besucht haben. Wir schätzen die grosszügigen Abständen zwischen den Tischen und die sehr gemütliche Atmosphäre.

Brot

Die Brotauswahl ist zum Niederknien. Zwei Mal am Tag werden die rund zehn Sorten frisch gebacken. Das Silser und das Tomatenbrot sind besonders toll. Jedes Mal wenn die freundliche Dame mit dem Brotkorb an unserem Tisch steht, würden wir gerne nochmals zugreifen. Doch im Hinblick auf das umfangreiche Menü, müssen wir uns etwas in Zurückhaltung üben.

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Das Menü startet mit einem Amuse Bouche:

Filet vom Saibling aus dem Neuenburger See mit gepickelten Eierschwämmli und Blumenkohlcrème [6/10]

So muss ein Saibling schmecken – wunderbar gegart, harmonisch im Geschmack. Auch die beiden Begleitkomponenten unterstützen den Fisch gekonnt, ohne zu stark von dessen Eigengeschmack abzulenken.

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Filet von Ennetbürger Limousin Kalb, Castaing Entenleber, Topinambur, Haselnüsse [5/10]

Der erste Gang der Sinfonie, lässt uns etwas ratlos zurück. Die Terrine ist fein, ihr fehlt aber ein konträrer Akteur, zum Beispiel in Form von Säure oder Süsse. Der Brückenschlag zum etwas gar faden Tatar, gelingt ebenfalls nur bedingt. Viel besser gefallen uns die Crème von der Topinambur und die getrocknete Scheiben dieser Wurzelknolle. Auch das gepfefferte Carpaccio bringt etwas Spannung in die sonst eher unaufgeregte Komposition.

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Zander aus dem Murtensee, Champagnerkraut Petersiliensaft, gepuffter Quinoa, Hagebutte [7/10]

Während sich beim vorherigen Gang die verschiedenen Elemente nicht zu einem Gesamtbild zusammenfügen konnten, gelingt das beim Zander vorzüglich. Die Geschmäcker sind spannend und abwechslungsreich. Der Fisch von sehr guter Qualität, bietet Dank der krossen Haut und dem gepufften Quinoa, eine süffig knusprige Textur. Unterstrichen wird das Ganze von einem tollen Champagnerkraut, welches sich sehr harmonisch ins Gericht einfügt.

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Gambero rosso, schwarzer Rettich, frischer Wasabi, Yuzu, Jakobsmuschel von Mont Saint Michel, Grapefruit [8/10]

Das erste grosse Ausrufezeichen am heutigen Abend! Die Qualität der spanischen Gambero rosso und der Jakobsmuschel ist so überragend, dass man die beiden Produkte beinahe roh serviert. Toll was die Küchenbrigade aus solch ausgezeichneten Produkten zaubert! Spannende Begleiter sind Pfeffer, frischer Wasabi und Yuzu-Saft! Ein ganz starkes Gericht!

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Bar de Ligne aus der Bretagne, Kohlrabi, Misoessenz und Gemüse [8/10]

Da knüpft auch der nächste Gang an. Vorgestern um diese Zeit schwamm der Wolfsbarsch noch in den Gewässern vor der Küste der Bretagne, jetzt liegt er perfekt zubereitet auf unserem Teller. Er spielt die Hauptrolle in diesem japanisch inspirierten Gericht, welches von einer wunderschönen Misoessenz begleitet wird. In den subtilen Aromen, kann der Fisch sein Aroma wunderbar entfalten. Der rassige Chili, der Tofu und die knackigen Kohlrabi runden das Gericht ab.

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Entrecôte von „Natural Black Angus-Rind“ aus Kansas, Jus mit Ochsenschwanz Brioche mit Zwiebeln, Schwarzwurzel, Bohnen [9/10]

Mit dem Hauptgang wird das Highlight des Abends serviert. Die Komposition begeistert uns in all ihren Facetten. Im Mittelpunkt steht das geniale und aromatische Fleisch aus Kansas. Klar einer der eindrücklichsten Fleischsorten die uns jemals aufgetischt wurden. Zum einen beeindruckt uns der Eigengeschmack, zum anderen die perfekte Zubereitung. Wunderbar auch der Ochsenschwanz-Jus der am Tisch über das Gericht geträufelt wird. Als kleines Supplement serviert man uns ein kleines, toll gewürztes, Hackbällchen.

Als Gegenpool zu den fleischigen Aromen, setzt man auf die Zwiebel. Es macht Spass sich durch die vielfältigen und spannenden Variationen zu essen – gerade das Brioche ist unbeschreiblich. Ein grossartiger Teller!

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Berg Vacherin vom Bachtel, „Original Schlorziflade“ [8/10]

Nochmals ein Duo das brilliert: Ein wunderbar crémiger Vacherin und ein beeindruckender, leicht warmer „Schlorziflade“ – eine Spezialität aus dem Appenzell. Die Kombination ist himmlisch, der Goût erstklassig.

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Pré-Dessert [8/10]

Bis auf den etwas gar weichen Bananenchip, gibt es für diesen „Bananensplit à la Lampart’s“ nur begeisternde Worte. Das vollmundige Bananenaroma und die hochwertige Schokolade machen definitiv Lust auf mehr. Wir sind nach diesem pré Dessert sehr froh, dass wir keines der beiden Desserts aus dem Menü gestrichen haben und uns nun auf zwei weitere Köstlichkeiten aus der Pâtisserie freuen dürfen.

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Petit Fours [8/10]

Etwas überraschend werden uns die Petit Fours, noch vor den beiden Desserts serviert. Die Auswahl ist sehr abwechslungsreich und hochwertig. Wir geniessen Häppchen für Häppchen und erfreuen uns an der liebevollen Zubereitung und den genussvollen Aromen.

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Cheese Cake, Creme brûlée, Gewürzorangen, Mandarinensorbet [7/10]

Für die erste Nachspeise setzt man auf verschiedene Zitrusfrüchte und schafft so ein sehr erfrischendes Dessert – genau das Richtige, nach einem solchen Menü. Es macht Spass sich mit dem Löffel durch die verschiedenen Elemente zu tasten und abwechslungsreiche Aromen zu schmecken.

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Mandelparfait, Rumtopf, Baumkuchen [6/10]

Der zweite Streich aus der Pâtisserie ist zwar nicht mehr so vielseitig, schmeckt uns aber ebenfalls sehr gut. Vor allem der im Mittelpunkt stehende Baumkuchen. Die Beeren sind für unseren Geschmack einen Tick zu sauer. Modern der Pistazien-Sponge – auch wenn dieser fast ausschliesslich die optischen Erwartungen befriedigt.

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Pralinen

Zum Abschluss wird uns eine wunderschöne Pralinenselektion offeriert. Nur schade, dass wir angehalten werden, uns für eine Einzige zu entscheiden. Diese macht jedoch definitiv Lust auf mehr.

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Fazit: Was Anni und Reto Lampart aus dieser Remise geschaffen haben ist einzigartig. Noch Wochen später kreisen unsere Gedanken um diesen wunderschönen Ort. Zum einen aufgrund der kulinarischen Leistungen, zum anderen wegen der eindrücklichen Atmosphäre die im ganzen Haus herrscht. Dies ist nicht nur der stilvollen Einrichtung zu verdanken, sondern zum Grossteil dem hervorragenden Service. Dieser ist nicht nur sehr fachkundig, sondern auch herzlich, zuvorkommend und motiviert. Hinter all dem steht das passionierte Gastgeberpaar, das auch noch zur späten Stunde die letzten Gäste persönlich verabschieden.

Kulinarisch kommt man hier in Hägendorf voll auf seine Kosten. Sehr hochwertige Produkte bilden die Basis auf die Reto Lampart und seine Brigade aufbauen. Dabei gefallen uns die abwechslungsreichen Kompositionen genau so gut, wie die eher puristischen Gerichte. Dabei wird kein Aufwand geschaut. Bereits um in den Genuss einer vergleichbaren Brotauswahl zu kommen, muss man weit reisen. Das Gleiche gilt für die wunderschöne Pralinen- und Petit Fours Auswahl. Dabei schafft man es, dass man trotz den vielen Leckereien, das Restaurant zwar wohl gesättigt, aber trotzdem mit einem guten Gefühl verlässt.

Ein geniales Menü, welches auf hervorragenden Produkten basiert, ein vorbildlicher Service und eines der schönsten Restaurants der Schweiz, machen das ‚Lampart’s‘ zu einem Ort der besonderen Art. Wir vermissten das Haus schon nach wenigen Tagen und freuen uns schon jetzt, bald wieder einmal nach Hägendorf zu reisen, um in die wunderschöne Welt von Anni und Reto Lampart eintauchen zu dürfen.

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Menü: Zur Auswahl stehen zwei Menüs „Sinfonie plaisir“ in 5 bis 8 Gängen (Fr. 175.- bis Fr. 235.-) und das vegetarische „Sinfonie naturelle“ in 5 Gängen zu Fr. 155.-. Dazu serviert man Häppchen, ein Amuse Bouche, ein pré Dessert sowie Petit Fours und Pralinen. Seit ein paar Wochen bietet man zudem für 295 Franken das ganz grosse Menü „Concerto grosso“ an. Dazu kombiniert man die beiden Menüs und serviert 13 Gänge. Alle Gerichte aus den Menüs kann man auch à la carte bestellen. Fünf zusätzliche Hauptgänge ergänzen diese Auswahl.

Wein:  Neben einer riesigen Auswahl an Flaschenweinen, bietet man auch eine Weinbegleitung an:

2011 Fiano Vignolella, Rebsorte: 100 % Fiano, Cantine Barone, Kampanien
2010 Gavi di Gavi Rovereto DOCG Vigna Vecchia – Castellari Bergaglio
2011 Pinot blanc de Dardagny, Domaine Les Hutins, Genf
2010 Chardonnay, Cuvaison Estate, Carneros, Napa Valley
2009 Tignanello Sangiovese, Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Tenuta Antinori, Toskana
2010 Eiswein Welschriesling Johannes Zillinger, Niederösterreich
2010 Malvoisie Flétrie, Pinot Gris, Rouvinez, Sierre

Online: Auf der schönen Website vermissen wir das aktuelle Menü. Dafür erhält man in einem Video einen ersten Eindruck vom Restaurant.

Wertung: Gourmör O8 / Michelin M2 / Gault-Millau GM17

Sonderauszeichnungen: krone   Fumoir vorhanden

(Besucht im Dezember 2012)

Aqua in Wolfsburg (Deutschland)

Zugegeben, etwas verrückt ist es schon, lediglich für einen Restaurantbesuch 18 Stunden im Zug zu sitzen – und das an einem Wochenende. Doch um in den Genuss der Kochkunst vieler hochdotierten Köche zu kommen, erfordert es eine längere Anreise. So auch wenn man Sven Elverfelds einen Besuch abstatten möchte. Der 44-jährige wirkt seit zehn Jahren in Wolfsburg und gilt als einer der besten Köche Deutschlands.

Die Fahrt ist abenteuerlich. Anders als bei unserer SBB, gehören Verspätungen bei der Deutschen Bahn, zum Alltag. So haben wir dann auch prompt unseren Anschlusszug verpasst und erreichten das Ziel mit einiger Verspätung. Schon vom Wolfsburger Bahnhof fällt der Blick auf die imposanten Schornsteine des Volkswagen Werks, dem wichtigsten Arbeitgeber in der Region. Seit 2000 findet man hier auch die Autostadt – eine der grössten deutschen Freizeitparks. Hier erfährt man viel über die Geschichte des Konzerns und des Automobils im Allgemeinen. Doch auch Kunst, Architektur und Kulinarik nehmen einen wichtigen Platz ein. So findet man hier nicht weniger als neun Restaurants, in denen mit viel Sorgfalt und ausschliesslich mit Bioprodukten, gearbeitet wird.

Am Genussabend „Natürlich Tafeln“ können wir uns davon selber überzeugen. Zusammen mit Lieferanten und Produzenten, demonstrierten die Restaurants ihr Können. Wir wünschen, dass ein solches Kulinarikangebot Schule macht. Einen Museeumbesuch mit hausgemachten Kürbis-Ravioli abzurunden macht definitiv mehr Spass, als wenn man sich von industriell gefertigten Produkten aus der Selbstbedienungsrestaurant ernähren muss.

Auf dem 25 Hektar grossen Gelände der Autostadt, befindet sich auch ein 5 Sterne Hotel der Amerikanischen Kette „The Ritz Carlton“. Darin ist das Restaurant ‚Aqua‘ beherbergt – der Grund unserer weiten Reise. Unser Taxifahrer mit auffälligem Schnurrbart, fährt an den eindrücklichen Autotürmen vorbei und kommt direkt vor dem Hoteleingang zum stehen. Dort werden wir vom Portier ins Innere des Hotels begleitet. Die Lobby ist einladend. Von hier hat man auch einen guten Blick auf den beheizten Hotelpool, welcher draussen auf dem Fluss schwimmt. Unsere Mägen knurren und so entscheiden wir uns gegen einen Apéro-Halt und gehen stattdessen mit grossen Schritten den langen Gang Richtung 3 Sterne Restaurant.

Dort werden wir freundlich begrüsst, von unseren Mänteln befreit und durch das stilvolle Restaurant begleitet. Unser Blick fällt auf die ungewohnt vielen Kinder, die an den Tischen sitzen. Den kleinen Geniessern serviert man hier neben dem Menü auch einfachere Pasta Gerichte – vorbildlich!

Unser Tisch ist sehr schön hergerichtet. Das Menükärtchen wird von einem Metallhalter stilvoll getragen. Aus den Musikboxen berieselt uns Ludovico Einaudi mit „Una Mattina“ – was er noch drei weitere Male an diesem Abend tun wird. Durch die grosse Fensterfront beobachten wir die Hauptprobe der VW „Santana“ Enthüllung, welche drei Tage später hier gefeiert wird.

Maître Jimmy Ledemazel stellt sich uns vor. Er und sein französischer Akzent sind uns von Beginn weg sympathisch. Er begleitet uns auch sehr professionell und freundlich durch den ganzen Abend.

Snack & Knusperrillos [8/10]

Noch während wir das helle und freundliche Restaurant betrachten und uns rasch wohl fühlen, serviert man uns ein paar Willkommenshäppchen. Diese stehen auf eigens für das ‚Aqua‘ designeten Plexiglashalter – sehr stilvoll.

Wir starten mit den „Knusperrillos“. Diese sind extrem frisch und dem Namen gerecht, angenehm knusprig. Wir staunen, wie viel Geschmack sich aus den kleinen Häppchen entfaltet. Am besten demonstriert uns dies die Frühlingsrolle – die asiatischen Aromen sind richtig toll und verbreiten sich im ganzen Mund!

Ein wahres Geschmacksfeuerwerk zünden die karamellisierten Kalamata Oliven – himmlisch diese Kombination. Damit sind auch die langweiligen Oliven von heute Mittag, auf der Pizza eines Wolfsburger Innenstadtlokals, vergessen.

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Nach diesen ersten Köstlichkeiten haben wir Zeit das Menü zu studieren. Es stehen zwei Menüabfolgen zur Auswahl. Im Menü „Visionen“ werden neue Kreation serviert, im Menü „Impressionen“ einige Klassiker. Da wir das erste Mal bei Elverfeld essen und das Impressionen Menü noch zwei Gänge umfangreicher ist, entscheiden wir uns für dieses.

Beim Bestellen werden wir auf zwei zusätzliche Optionen aufmerksam gemacht. Zum einen sei heute Morgen ein frischer Steinbutt geliefert worden, welchen man anstelle der Seezunge ins Menü integrieren kann, und beim Hauptgang bietet man uns eine Alternative vom Wagyu (Marmorierung 9+) anstelle des Weidekalbs an. Leider erwähnt man dabei nicht, dass ein solches Wagyu-„Upgrade“ mit 35 € verrechnet wird.

Bei Sommelier Marcel Runge ordern wir eine passende Weinbegleitung. Nach der gestrigen Weindegustation sind uns 9 Gläster aber doch zu viel. Damit wir trotzdem die Auswahl des Sommeliers erleben können, ordern wir die Begleitung in halben Deziliter – diesem Wunsch kommt man gerne nach.

Zuerst gibt es aber noch eine kleine Blinddegustation – ein Standardprozedere hier im ‚Aqua‘. Dafür kommen die schwarzen Gläser, welche schon zu Beginn auf dem Tisch stehen, zum Einsatz. Wahlweise ein Wein oder für Alkoholabstinenzler ein Saft, gilt es zu erraten. Ein Gag, der eine versteifte Gesellschaft vielleicht etwas aufzuheitern vermag – wir hätten darauf aber gut verzichten können. Vermutlich hat das Servicepersonal diese Szene schon zu oft durchgespielt – und das spürt man auch.

Brot

Drei hausgemachte Brotsorten werden als nächstes aufgetragen. Jedes Gebäck ist sehr fein – die Auswahl eher klein. Die Butter salzt man auf Wunsch direkt am Tisch – edel. Der grosse Auftritt der Butter währt nur kurz, denn ein anderes Produkt auf dem Tisch erhält unsere volle Aufmerksamkeit: der Aufstrich aus Macadamianusspüree! Die himmlischen Aromen von Curry und Kokos machen absolut süchtig!!

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Suppen-Shots / Löffel-Degustation [9/10]

Die Menüs im ‚Aqua‘ starten immer nach dem gleichen Schema. Dazu zählen neben den „Knusperrillos“ auch die „Suppen-Shots“ und die „Löffel-Degustationen“. Deren Inhalt wird selbstverständlich regelmässig geändert. Auf unseren Löffeln liegen zum einen eingelegte Sellerie, PX-Essig & Joghurt und auf dem anderen, Süsskartoffel, Apfel & Backerbse. Bei Letzterem gefällt uns die knusprige Textur – etwas, was wir am heutigen Abend noch ein paar Mal antreffen werden. Die Löffel sind gut, viel besser jedoch die Shots. Während wir bei der Kaltschale von Gurken die stimmige Säure der Yuzu schätzen, macht uns der „Vitello Tonnato “ beinahe sprachlos. Wir hätten niemals geglaubt, dass man dieses Geschmackserlebnis, in fast flüssiger Form, so gut hinbekommt.

Zu guter Letzt beissen wir in den Zwiebelchip mit krosser Schweineschwarte. à la Ratatouille, finden wir uns in der Kindheit wieder, wo wir bei der Grossmutter Bratwurst an herzhafter Zwiebelsauce geniessen. Ganz stark!

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An dieser Stelle würde das eigentliche Menü starten – denn neben den Häppchen gibt es im ‚Aqua‘ kein eigentliches Amuse Bouche. Beeindruckt von unserer langen Anreise (oder von unserer Kamera?), schickt uns Sven Elverfeld jedoch einen zusätzlichen Gruss. Dies in Form eines Gerichts aus dem Menü „Visionen“.

Gänseleber / Zwetschge, Fourme d’Ambert & Haselnuss [9/10]

Die Terrine ist genial – wunderbar aromatisch, perfekt im Schmelz. Uns begeistern auch die vielen kleinen Nebendarsteller auf dem Teller. Am meisten wird das schöne Grundprodukt von der Zwetschge und den karamellisierten Haselnüssen unterstrichen. Aber auch die leicht dosierte Erdnusssauce und die wuchtigen Blauschimmelkäse-Nuggets, bereichern den tollen Hauptakteur, ohne von dessen wunderschönem Eigengeschmack abzulenken. Wir sind happy über diesen zusätzlichen Einblick in Elverfelds Küche!

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Hering & würzige Holunderblütenmarinade / Essiggurke, Radieschen & Pumpernickelcreme [6/10]

Wie Sven Elverfeld uns später am Tisch verraten wird, ist dies eine Hommage an seine Heimat. Dort gilt Hering auf Pumpernickel mit Gurke zu den bekannten Speisen. Uns gefallen hier der feste Biss des Fisches sowie dessen liebliche Holunderblütenmarinade. Der Rest schmeckt so wie man es sich vorstellt. Für uns ein sehr kreatives Gericht, welches aber geschmacklich nicht begeistert.

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Räucheraal / Kürbis, Grüner Apfel & Kernöl [9/10]

Wir leisten der Aufforderung der freundlichen Servicemitarbeiterin Folge und beginnen oben links, mit der warmen Kürbissuppe mit Apfeleis. Dabei begeistert uns sowohl die geschmackliche Marriage, als auch das Temperaturspiel zwischen warm und kalt. Grossartig! Auch für den restlichen Teller gibt es dasselbe Prädikat. Uns gefällt wie harmonisch alles schmeckt, wie perfekt jedes noch so kleine Element zubereitet ist und wie gut jede noch so mögliche Kombination zwischen Aal, Apfel und Kürbis schmeckt.

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Seezunge „Murat“ / Artischocke, Kartoffel & braune Butter [8/10]

Beim nächsten Teller kommt zuerst der Geruchssinn auf seine Kosten. Der Geschmack nach geschmolzener Butter ist himmlisch. Der Gaumen freut sich dann über die wunderbaren Kartoffeln – einmal in Form eines tollen Kartoffelstocks sowie über die kleinen Kartoffelwürfelchen, welche nicht nur sehr gut schmecken, sondern auch über eine knusprige Textur verfügen. Auch die toll zubereitete Seezunge überzeugt. Das Petersilienpüree und die Zitronentupfer runden das stimmige Gericht ab.

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„Kommt jetzt nicht das Kaninchen?“, fragen wir den Sommelier überrascht, als er uns einen Wein für das Foie Gras Gericht kredenzt. Mit einem knappen aber bestimmten „Nein, die Leber“ müssen wir uns begnügen. Unser irritierter Gesichtsausdruck bleibt auch dem Maître nicht verborgen. Er erklärt uns die Menüänderung, welche man vorgenommen hat, weil nicht alle am Tisch die Entenleber orderten. So serviere man uns das Kaninchen erst im nächsten Gang. Für uns verständlich, trotzdem erwarten wir, dass man die Gäste über solche Anpassungen informiert.

Gebratene Entenleber & Paella Aromaten / Chimichurri, Joselito Schinken, Bomba-Reis [8/10]

Auf dieses Entenlebergericht freuen wir uns besonders. Und da wir gute Paella lieben, sind wir besonders gespannt auf diese Kreation. Die Geschmäcker des spanischen Nationalgerichts sind dann auch gleich klar auszumachen. Wie schon bei den bisherigen Gerichten fällt auch hier auf, wie toll die einzelnen Elemente abgeschmeckt sind. Im ‚Aqua‘ sehnt man sich keine Sekunde nach einer Salz- oder Pfeffermühle – und das ist uneingeschränkt positiv zu verstehen.

Die Leber und alles Drumherum ist spannend zu essen. Auch hier dominieren wohlwollende Aromen, ein schöner Schmelz und die knusprigen Elemente. Einzig den zu stark reduzierten Lebergeschmack gilt es zu bemängeln. Der Balanceakt zwischen den verschiedenen Aromen ist hier nicht uneingeschränkt gelungen.

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Kaninchen – Pot au feu „Erinnerungen an Kreta“ / Weisse Bohnen, Blattspinat, Feta, Oregano & Zitrone [6/10]

Mit diesem Gericht schaut Sven Elverfeld auf seine Zeit in Kreta zurück. Dort wurden ihm oft Eintöpfe serviert. Meistens hat man dazu Kaninchen geviertelt und mit verschiedenen Aromen eingekocht. Uns gefällt seine Edel-Variante. Das Kaninchen hat den perfekten Garpunkt, der Eintopf ist sehr stimmig gewürzt und überraschend vielfältig im Geschmack. Ein schönes Gericht, welches uns aber doch nicht veranlasst gleich einen Flug Richtung Griechenland zu buchen.

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Reis-Allerlei & Sot-l’y-laisse / Mimolette & Trüffel Magnatum Pico [7/10]

Sven Elverfeld schickt uns noch einen zweiten Gang vom „Visionen“- Menü. Was wir in der Tellermitte für Eigelb halten, ist flüssiger Mimolette, ein französischer Käse. Dabei schafft man eine sehr spannende Kombination mit dem wunderschönen Alba-Trüffel. Uns gefällt auch der perfekt zubereitete Wildreis. Einzig die Sot-l’y-laisse haben bei den dominanten Aromen eine etwas gar schwierige Aufgabe.

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Champagner Crèmsorbet / „Ruinart Rosé“ [7/10]

Der Klotz auf dem die Erfrischung serviert wird, besteht aus echtem Eis – eine sehr stilvolle Präsentation. Das darin liegende Champagner Crèmesorbet wird vor unseren Augen mit etwas Rosé von „Ruinart“ übergossen. Wir sind vom Aroma stark beeindruckt. Das Eis ist wunderbar crèmig und sehr erfrischend.

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Brust & Bries vom Weidekalb / Bete, Steckrübe, Linsen & Senf [7/10]

Der Hauptgang ist bodenständiger als die bisherigen Gerichte. Uns gefällt die Komposition gut, auch wenn wir auch hier nicht in Freudentaumel ausbrechen. Dafür sind die gestreiften Steckrüben zu belanglos. Auch der Kalbsbrust fehlt es an Ausdruck. Daumen hoch dann für das aromatische Bries und die tolle Senfsauce mit Linsen. Auch die Rande ist von beeindruckender Qualität!

Nach dem Hauptgang gibt es eine Erfrischung in Form eines warmen Lappen. Zwischenstand: ein tolles Menü, bei dem wir aber doch das eine oder andere grosse Highlight vermissen. Aber noch geht es weiter…

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Handkäs‘ mit Musik – geeist „Hommage an meine Heimat“ [-/10]

Beim Käsegang entschieden wir uns gegen die Auswahl vom Käsewagen und für eine kreative Komposition. Diese hessische Spezialität wird am Tisch finalisiert. Für uns ist das Ganze masslos übersalzen und überhaupt kein Genuss.

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Buttermilch & Johannisbeeren / Lakritz & Fenchel [10/10]

Was für ein Dessert! Sowohl konzeptionell als auch geschmacklich ganz grosse Klasse! Dazu hat Pâtissier Eric Räty die ausschliesslich süssen Pfade verlassen und die Nachspeise unorthodox mit Gemüse kombiniert. Dabei findet er eine perfekte Balance zwischen den beiden konträren Geschmacksrichtungen und hat ein innovatives, gar wegweisendes Dessert kreiert. Des Weiteren ist dieses Dessert überraschend leicht und sehr erfischend. Wir sind sprachlos!

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Süsses Finale [8/10]

Zum Schluss werden sowohl die klassischen, als auch die progressiven Schleckmäuler glücklich. Für Letztere ist die spannende Rotkohlsuppe mit Joghurtsorbet, Granatapfel und schwarzem Sesam. Für die Klassiker das fluffige Kokosespuma mit Zuckermais und Fingerlimes. Beides ist in jeweiliger Art eine ganz tolle Kreation. Der Quitten-Cupcake & Frischkäsemousse ist extrem aufwendig und filigran zubereitet, aber geschmacklich nicht ganz so spannend.

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Pralinen [9/10]

Zum Kaffee wird nochmals ein Wagen vorgerollt. Darauf zählen wir 20 verschiedene Pralinen mit spannend klingenden Namen. Wir wählen deren fünf und erfreuen uns an den schönen Kombinationen, den starken Aromen und der hohen Handwerkskunst! Ein wunderbarer Abschluss!

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Fazit: Wir erlebten in Wolfsburg einen grossartigen Abend. Wir spürten bei jedem Gericht den immensen Aufwand, der dahinter steckt. Alles war perfekt abgeschmeckt und vieles spannend kombiniert. Auch der Präsentation und der präzisen Taktung der Speisefolgen werden hier eine grosse Bedeutung beigemessen. Sven Elverfeld und sein Team haben von Beginn an alles im Griff.

Was wir jedoch vermissten waren die ganz grossen Highlights. Die Gerichte, die ein 3 Sterne Restaurant ausmachen. Bis auf das Dessert wurden uns keine solchen Kreationen serviert. Auch in anderen, mit Höchstwertungen ausgezeichneten Restaurants reiht sich nicht ein Höhepunkt an den anderen, doch drei, vier Gerichte sollten schon dabei sein, um einen Besuch unvergesslicht zu machen. Im ‚Aqua‘ waren diese Momente leider stark limitiert. Für uns etwas erstaunlich, da das Rüstzeug zu kulinarischen Höheflügen klar vorhanden war. Fehlt es an Mut für die letzte geschmackliche Konsequenz?

Der Service unter Maître Jimmy Ledemazel machte einen sehr guten Job. Trotz der noblen Atmosphäre schaffen er und sein Team eine sehr angenehme Stimmung. Nur schade, dass wir zum Schluss noch wegen der Rechnung reklamieren mussten. Denn die Weinbegleitung mit halben Dezi wurde uns zum vollen Preis von 175 € verrechnet. Nach unserem Hinweis mussten wir geschlagene 10 Minuten warten, bis Sommelier Marcel Runge wieder an unserem Tisch erschien und wortlos dieselbe Rechnung wieder neben uns auf den Tisch legte. Erst als wir uns untereinander fragend anschauten, kam er nochmals zurück und wies auf die korrigierte Quittung hinter dem ersten Beleg hin. Solche Szenen sind unnötig.

In der schönen Hotelbar mit Zigarrenlounge hakten wir das Malheur ab und liessen die Gedanken wieder um die tollen Gerichte des Abends kreisen. Der Ausflug nach Wolfsburg hat sich für uns gelohnt. Wir genossen hier eines der besten Menüs 2012.

Menü: Es stehen zwei Menüs zur Verfügung: „Visionen“, eine Retroperspektive in vier (135 €) bis sieben Gängen (175 €) oder das Menü „Impressionen“ in sechs (160 €) bis neun Gängen (205 €). Dazu reicht man zwei Wellen mit Häppchen und Friandises sowie Pralinen. Wir wurden 5 Stunden kulinarisch verwöhnt.

Wein: Neben einer beeindruckenden Weinauswahl, wird auch eine passende Weinbegleitung angeboten. Diese hat mit 175 € (für 8 Gläser in 9 Gängen) einen stolzen Preis. Folgende Weine wurden uns kredenzt:

2009 Weissburgunder Scheiben, Leht, Wagram
2011 Silvaner Sehnsucht, Horst Sauer, Franken
2010 Pedra de Guix, Terrior al Limit, Priorat
2010 Sequillo, Eden Sadie, Swartland
2010 Botani, Jorge Ordonez, Malaga
2006 Campo alla Sughera, Bolgheri
2011 Rotapfel, Schneider, Frankfurt
2005 Château de Rayne Vigneau, Sauternes

Online: The Ritz Carlton ist stolz auf sein kulinarisches Aushängeschild und spendiert dem ‚Aqua‘ einen eigenen Webauftritt. Auf der schön gestalteten Website findet man neben den aktuellen Menüs auch Fotos und Informationen über das Restaurant und Team.

Wertung: Gourmör O9 / Michelin M3 / Gault-Millau GM19

Sonderauszeichnung: Hier findet ihr eine Cigarren-Lounge

(Besucht im Oktober 2012)

Kreuzwirt in Leutschach (Österreich)

Die hügelige Landschaft Südsteiermarks ist unglaublich schön und erinnert uns an Jacksons Interpretation des Auenlands. Dass an diesen steilen Hanglagen einige weisse Trauben vorzüglich gedeihen, beweisen Besuche bei Weinbauern wie Peter Skoff, Hannes Sabathi und Tement. Dabei hat uns ein 11 jähriger Savignon Blanc so stark begeistert, dass wir überzeugt sind, in Zukunft vermehrt Erzeugnissen aus dieser Region kredenzt zu bekommen.

Wir sind auf dem Weg nach Leutschach, einem kleinen Dorf inmitten von Rebbergen. Dort besuchen wir das Restaurant ‚Kreuzwirt‘, welches an einer schönen Hanglage steht. Neben dem Restaurant findet man auf dem „Gut Pössnitzberg“ auch ein Hotel mit 40 modernern Zimmern sowie eine eigene Sektmanufaktur.

Am Herd des Haubenlokals ‚Kreuzwirt‘ steht seit sechs Jahren Gerhard Fuchs und begeistert landauf und landab die Gastro-Guides. So hält er 18 Punkte im Gault-Millau und war 2004 deren „Koch des Jahres“. Im Guide Michelin gab es, bis zur letzten Österreich Ausgabe im Jahr 2008, einen Stern.

Obwohl unsere Uhr fast 19 Uhr zeigt, ist das Restaurant noch komplett leer. Der Maître scheint ob unserer Ankunft etwas überrascht – bittet uns dann aber gerne ins Restaurant. Die Einrichtung gefällt uns sehr. Die Symbiose zwischen Holz und Glas ist gelungen. Dank der grossen Fensterfront hat man hier im Sommer bis in den späten Abend eine stimmige Aussicht auf die Rebberge. Wir erhaschen immerhin noch einen Blick auf das Abendrot und geniessen die Stimmung. Einzig die kleinen Fruchtfliegen, die hier überall herumschwirren, nerven etwas. Angelockt von den süssen Trauben, treffen wir die Winzlinge überall in der Steiermark an.

Wir ignorieren die Viecher und ordern ein Glas „Leutschach-Champagner“, mit dem uns auch gleich ein paar Häppchen erreichen:

Herbstliche Grüsse [-/10]

Drei typisch steirische Produkte, welche uns in dieser Jahreszeit überall in der Gegend begegnen, werden aufgetischt: Kastanien, Sturm und Kürbiskerne.

Die Kastanien sind von sehr guter Qualität und leicht karamellisiert. Kaum ist die erste im Mund, wird uns blitzartig bewusst weshalb wir diese Jahreszeit so sehr lieben.

Der Sturm ist eine weitere steirische Spezialität. Ein Erzeugnis aus früh gelesenen Trauben, welches an den in der Schweiz bekannten Sauser erinnert. Der Sturm ist jedoch etwas markiger und saurer.

Kürbiskerne sind in der Umgebung ebenfalls omnipräsent. An jeder Ecke bieten Bauern Kürbiskernöl an (unbedingt zugreifen!). Hier haben die Kerne den Auftritt in einem knusprigen Gebäck.

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Auf der gereichten Menükarte finden wir die Menüs „Kreuzwirt“ und „Steirischer Herbst“, Zudem wird uns ein Überraschungsmenü angeboten, welches wir gerne ordern.

Brot

Das hausgemachte Brot sieht zwar optisch nicht gerade vielversprechend aus, schmeckt aber sehr gut. Das mit Mozzarella und Tomaten gefüllte Gebäck „Galzone“ wirkt dagegen ausdruckslos und fad. Da gefällt uns die rassige Salami vom Freilandschwein viel besser! Eine gesalzene Butter und das geniale Kürbiskernöl runden das Angebot ab.

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Sauer marinierte Grammeln auf Polenta mit Ei & Kürbiskernöl [-/10]

Etwas Säure, eine knusprige Textur, viel Schnittlauch… vielleicht noch Ei? So schmeckt der Gruss aus der Küche. Uns lässt dieses langweilige Gericht mit Stirnrunzeln und der Hoffnung nach einer markanten Steigerung zurück.

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Calamari aus der Bucht von Piran, Karfiol & Mohn [-/10]

Zum Glück gibt es auf unseren kulinarischen Reisen fast keine Teller, die wir lieber in die Küche zurückschicken, anstatt sie bis auf den letzten Bissen zu geniessen – dieser hier gehört aber leider dazu. Das Gericht schmeckt schleimig und unausgereift. Die Gänseleber ist wässrig und geradezu eklig – eigentlich das ideale Instrument für eine Pfadfinder-Aufnahmeprüfung, aber bestimmt nicht um sie einem Gast vorzusetzen! Auch der Calamari ist viel zu fad. Zu guter Letzt hat man auf unserem Teller auch noch den annoncierten Mohn vergessen.

Die tollen, dazu gereichten Brioche mit Estragon stimmen uns etwas versöhnlich.

Gerhard Fuchs gibt sich eine zweite Chance, denn das Gericht wird in zwei Gängen serviert. Diesmal ist die Gänseleber karamellisiert – das schmeck viel besser. Jedoch lässt sich auch hier die schwache Produktqualität nicht verbergen. Der Leber fehlt es klar an Aroma. Beim Calamari können wir zur vorherigen Zubereitungsart keinen Unterschied ausmachen – auch bei der Würzung gibt es keine Verbesserung. Immerhin hat man diesmal den Mohn nicht vergessen – geschmacklich trägt dieser aber wie erwartet, nicht zu einem verbesserten Geschmacksbild bei.

Ein Gericht in zwei Gängen zu servieren kann sehr spannend sein. Hier wollte Fuchs verschiedene Zubereitungsarten- und Formen zeigen. Wir taxieren dieses Vorhaben als gescheitert – da passt zu vieles nicht zusammen.

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Der Karpfen aus dem Vulkanland & Kürbis [5/10]

Hier in der Gegend schwimmt fast in jedem Teich ein mächtiger Karpfen und viele Fischer machen Jagd auf die Pfundskerle. Dieses Exemplar stammt aus dem steirischen Vulkanland. Uns gefällt sein angenehmes Aroma und die schonende Zubereitung die Fuchs gewählt hat. Zusammen mit der Zitronenemulsion entsteht ein leichtes Säurespiel. Der süsse Kürbis geriet zwar etwas trocken, überzeugt uns aber Dank dem lieblichen Aroma. Der zweite Kürbis am Tellerrand, schmeckt zwar traumhaft nach Butter, aber etwas gar wenig nach Kürbis. Alles in allem ein schönes Gericht.

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Freilandei & Trüffel aus Istrien [-/10]

Langsam fragen wir uns, weshalb auf jedem Teller etwas Schaum liegt?! Vielleicht zur Ablenkung? Denn auch dieses Gericht ist fad und belanglos. Der Einsatz vom Parmesan ist viel zu minimalistisch und der geschmacksarme Trüffel aus Istrien kaum der Rede wert. Schade, gerade von dieser Kombination haben wir uns sehr viel versprochen.

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Der Ox aus dem Vulkanland [6/10]

Die gekochte Ochsenbrust gibt endlich etwas Power in das Menü. Das Fleisch ist sehr gut. Die herbstlichen Aromen vom Steinpilz, Grause Glucke, die Kräutern aus dem Garten, sowie der Waldfrüchtejus passen vorzüglich dazu. Auch das gut dosierte Kren (Meerrettich), welches sich wie ein dünner Vorhang über das Gericht legt, überzeugt und gibt dem Ganzen eine spannende Facette.

Zum Glück wird auch dieser Hauptgang in zwei Episoden serviert. Denn auch das Filet im Speck kann uns begeistern. Starke Aromen, hochwertige Produkte. Der Waldpilz und die Bohnen werden nicht einfach zur Beilage degradiert, sondern werten das Gericht auf. Nur auf den zahnlosen Bohnen-Frischkäse-Raviolo hätten wir getrost verzichten können. Dieser ist wiederum ausdruckslos und wir fragen uns, weshalb man so etwas aus der Küche lässt.

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Frischkäse von der Remschnigg, Melanzani & Apfel [5/10]

Die Mischung aus Dessert und Käse überzeugt. Dieser Teller demonstriert jedoch auch exemplarisch, dass in der Küche nicht mit vollster Sorgfalt gearbeitet wird. So ist das Eis, als es unseren Tisch erreicht, schon recht stark geschmolzen und der Boden, der sonst feinen Apfeltarte, ist weich und pampig.

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Holundersorbet mit Sekt [5/10]

Simpel, aber gut. Die Aromen sind klar, die Erfischung spürbar. Hier kann sich der hausgemachte Sekt auch noch einmal gut in Szene setzen.

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Sernauer Topfen & Zwetschken [5/10]

Selbstverständlich wird das Menü mit einer Schaum-Dekoration abgeschlossen. In die Tellermitte platziert man am Tisch ein Soufflé. In einem zusätzlichen Schälchen gibt es Traubeneis. Das Soufflé ist handwerklich top, geschmacklich gut. Auch die restliche Komposition gefällt uns.

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Friandises [-/10]

Zum Espresso geniessen wir Marshmallows, feines Mandelgebäck und Kürbiskern-Nougat.

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Fazit: Gleich vorweg, der ‚Kreuzwirt‘ ist bis dato einer unserer enttäuschendster Restaurantbesuche. Und das, obwohl wir mit gedrosselten Erwartungen zu Tisch gegangen waren, nachdem uns vor einem Jahr bereits ein anderes österreichisches, ebenfalls vom Gault-Millau mit 18 Punkten ausgezeichnetes, Restaurant etwas ratlos zurückgelassen hatte.

Bis auf den Schaum auf jedem Gericht, war die Küchenleistung rein optisch, sehr ambitioniert. Geschmacklich bewegte sich das Menü jedoch zwischen langweilig und belanglos. Wir waren schon zu Beginn, beim „Calzone“-Häppchen etwas skeptisch – so etwas fades darf keine ambitionierte Küche verlassen. Aber auch das restliche Menü war mehrheitlich schwach und enttäuschend. Licht in das sonst triste Menü brachte lediglich der Hauptgang. Dieser war zwar ebenfalls nicht auf top Niveau, aber Dank den klaren und starken Aromen das Beste Gericht des Abends.

Die Produktqualität ist ein weiteres Manko der ‚Kreuzwirt‘-Küche. Denn auf einen geschmacksneutralen Trüffel können wir genau so gut verzichten, wie auf eine fade und wässrige Gänseleber. Der Service im ‚Kreuzwirt‘ ist zwar etwas unpersönlich, sorgt aber ansonsten für einen schönen Abend, in stilvollem Ambiente. Wer neben der Atmosphäre auch kulinarisch etwas Besonderes sucht, ist hier an der falschen Adresse.

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Menü: Zur Auswahl stehen die Menüs „Kreuzwirt“ in 6 Gängen zu 101.60 € und „Steirischer Herbst“ in 5 Gängen zu 92.60 €. Zudem wird ein Überraschungsmenü in 6 Gängen zu 101.60 € angeboten (alle Preise inklusive den 3.60 € fürs Gedeck). Dazu gibt es Häppchen, ein Amuse und Friandises. Das Essen dauerte angenehme 4 1/2 Stunden.

Online: Auf der Website findet man ein paar wenige Informationen. Die Menüs sind zwar online, jedoch oft nicht aktuell.

Bewertung: Gourmör / Gault-Millau

(Besucht im Oktober 2012)